PlattenkritikenPressfrisch

AGENT STEEL – No Other Godz Before Me

 ~ 2021 (Dissonance) – Stil: Speed Metal ~


Prolog:

Sie traten auf ihrem in fest definierten Zeitzyklen wiederkehrenden Erkundungsflug in die Stratosphäre ein und durchstreiften ungläubig die Troposphäre, auch wenn man ihnen eingeschärft hatte, für die niederen Lebensformen dieses seltsamen Planeten unsichtbar zu bleiben.
Doch sie mussten es mit eigenen Facettenaugen sehen, denn sie mochten es nicht glauben, was ihnen ihre diversen Scanner anzeigten: Die zweibeinige, am höchsten entwickelte Lebensform verhielt sich immer noch so unglaublich dämlich wie die ganzen vergangenen Jahrtausende, seit ihre Ahnen – vielleicht zu voreilig – ihre pyramidenförmigen Botschaften errichtet hatten.
Unfassbar enttäuscht drehten sie ab, gaben die Koordinaten ihrer 144000 Lichtjahre entfernten Heimatwelt Afron-V in den Navicomputer ein und legten zum Trost die neueste Silberscheibe ihres einzigen irdischen Freundes Cyriis auf den Hoverlaser – warum die Erdbewohner ihn Johnny nannten, würde ihnen immer ein Rätsel bleiben.
Wild bangend verglühten sie in einer unerwarteten Sonneneruption, doch hatten sie in der letzten Sekunde ihres Daseins ein ekstatisches Lächeln und Tränen der Freude um ihre purpurnen Rüssel…


„Times I’ve had, good and bad – win or lose, this is what I choose.“ (OVERKILL – ´The Years Of Decay´ – 1989)

Tja, wie eröffnet man es nun, dieses Logbuch? Vielleicht mit „Erwartungen“. Erwartungen können ein böses OMEN sein. Was erwartet man nach 34 Jahren von dem einstigen EXXPLORER von Zeit, Raum, irren Screams und Speedmetal? Was bewerkstelligt der letzte wiederkehrende WARRIOR einer legendären Band, die ohne ihn in nahezu stabiler Besetzung seit ´Omega Conspiracy´ von 1999 unter dem Namen AGENT STEEL drei starke Scheiben veröffentlicht hat, danach zu den MASTERS OF METAL wurden und von denen nun doch keiner zu den anderen „Godz“ zählt?

Würde es ein schmerzliches Wiederhören werden, wie bei den oben reingeschmuggelten drei Kultcombos, die mir die besten und schlechtesten Momente meines Lebens beschert hatten (zum Teil im Studio, zum Teil live)? Oder gibt es Anlass zur Freude über ein Comeback wie es nach verschieden langer Abstinenz nur zum Beispiel CIRITH UNGOL, PSYCHOTIC WALTZ, THE DAMNED oder TYRANT hingelegt hatten? Da hilft nur hören, denn – Erwartungen hin, Erwartungen her – heiß bin ich schon irgendwie trotz allem, was da in den letzten Jahren im und um’s All herum so passiert ist.

Und ich bin tatsächlich angenehm überrascht. Zunächst einmal: Man benötigt eine Band, wenn man nicht gerade Multiinstrumentalist ist. Da (wie scheinbar momentan überall auf dem Planeten Erde) die Fronten ziemlich verhärtet sind – zwischen Musikern als auch Fans mittlerweile – musste eine komplett neue Mannschaft ran. Gleich vorweg: Das Gitarrenduo Nikolay Atanasov & Vinicius Carvalho und die Rhythmusgruppe Shuichi Oni (Bass – war auch bei STELLAR SEED und S.E.T.I. mit Captain Cyriis an Bord) & Rasmus Kjær (Drums) erweisen sich als perfekte Wahl.

 

 

Während die bisherigen AGENT STEEL und späteren MASTERS OF METAL zwischen US Metal und melodischem Powerthrash angesiedelt waren, zelebriert Mr. Cyriis mit seinen neuen Mannen eins zu eins den wilden Speed Metal des Debüts ´Skeptics Apocalypse´ – aber für mich persönlich kein Vergleich mit der weitaus abwechslungsreicheren ´Unstoppable Force´ – besonders das Gitarrenduo legt hier eine dermaßen true oldschool-Performance hin, dass es fast außerirdisch anmutet.

Es ist auf apokalyptische Weise alles da, was der Skeptiker nicht für möglich hielt: Die neue Mannschaft liefert exzellentes Hyperspeed-Shredding, wartet absolut fachmännisch den donnernden Warpkern und dazu ein alter Captain, der seine Befehle nahezu ebenso wahnwitzig über die Kommandobrücke erschallen lässt, wie auf den ersten beiden Kessel-Flügen. Das alles mit einer „Unstoppable Force“ auf den Tonträger gelasert, dass eigentlich keine Wünsche offen bleiben.

Und doch finden bei all‘ dem durch stimmiges In- und Outro umrahmten Dauerfeuer-Wahnsinn fantastische Gitarrenmelodien und Soli Einzug in die Songs, zieht euch nur mal die CRIMSON GLORY-Gitarren vor Minute 3 von ´Sonata Cósmica´ rein. Cyriis bemüht sich nicht um irgendwelche catchy Refrains, er tut eben das, was er schon vom Anfang der Zeiten an getan hat: Highpitched gedoppelte Kauzgesangslinien und Spiele mit Hall in seinem eigenen Strophenrhythmus, die in den übertriebenen Höhen schon immer ein wenig weh getan haben und es auch müssen, wenn man mal ehrlich zu sich selbst ist. Nur weil es heutzutage Kult ist, gibt es dennoch Fans jeglicher Altersgruppen, denen die alten Klassiker gerade des Gesanges wegen nicht abgehen und ebenso eine große Schar derer, für die eben dieses Comeback der einzig wahre AGENT STEEL-Genuss nach 1987 darstellen wird.

Sound? Echt jetzt? Wann habt ihr das letzte Mal die ersten beiden Scheiben auf eurer aktuellen Anlage gehört? Ha! Mal ehrlich: Eine fettere, modernere Produktion hätte geheißen, den rasenden Falken durch die Waschstraße zu schieben, ihn innen von einem Designer-Ehepaar pimpen zu lassen und jegliches illegale Tuning vorm TÜV-Termin zu entfernen. Da hätte die gesamte erste Order „zu modern! zu modern!“ gejohlt. Was da in der technischen Medizin-Bay eventuell an Knöpfchen gedreht und an Substanzen zusammengemischt wurde, ist mir diesmal so egal, wie wenn eine Schraube in den Schlund des Sarlacc fällt. Das Ergebnis stimmt einfach. Das Einzige, was mir hier fehlt, sind mystische Atmosphären, die ´Chosen To Stay´, ´Still Searching´ und der ´Traveler´ inklusive massiver Gänsehaut hervorgerufen hatten.

Es dürfte wohl auch klar sein, dass aufgrund der paar Jahrzehnte an Erfahrung beim Best-Age-Banger kein Titel mehr so kultig in den Hirnkasten einschlägt und sich dort einnistet wie anno dazumal die ´Agents Of Steel´ und man heutzutage einen Slogan wie „Masters Of Metal“ nie wieder derart ekstatisch durch Raum und Zeit schmettern wird, aber ´No Other Godz Before Me´ ist trotz aller Klasse der drei Cyriis-losen Scheiben (als auch den „Metalmeistern“) der direkte Nachfolger von ´Skeptics Apocalypse´. ´Unstoppable Force´ bleibt für mich weiterhin das unübertreffliche, unantastbare, abwechslungsreiche Meisterwerk und somit reden wir hier zumindest von den traditionellsten AGENT STEEL, die man in diesem Universum, in diesem Raum-Zeit-Kontinuum bekommen kann. Dann braucht’s auch keine sensationellen, übermenschlichen Kunststücke oder neue Klassiker, denn die gibt’s eh nicht mehr.

Also – von meiner Seite aus: Mission geglückt. Und jetzt beam‘ ich mich weg.

 

www.facebook.com/AgentSteelOfficial

und noch eine – freie Galaxien, freie Auswahl:

www.facebook.com/AgentSteelOfficial2

agentsteel.net