~ 1981 (Eigenproduktion) ~


Bevor sich hier ein Aufschrei der Entrüstung über unser kleines Webseitlein entfaltet: Nana-Na-Nana – es handelt sich hierbei nicht um die Österreicher mit ihrem lebenslänglichen Zwangshit, sondern um die späteren PUR, was die Sache für euch nicht einfacher macht, es sei denn, ihr interessiert euch für erstklassige Musik. Denn wer mich kennt, weiß, dass wenn ich von Progrock rede, ich auch Progrock meine.

Und seltsam, gerade in der jetzigen Zeit den Opener ´Im Nebel´ zu hören und den Text auf die momentane Situation zu beziehen:

Seltsam im Nebel zu Wandern
seltsam so allein
kein Mensch sieht den andern
er hört ihn nur rufen und schrein
keiner ist weise, der nicht das Dunkel kennt
das unentrinnbar und leise von Allem ihn trennt
seltsam im Nebel zu Wandern
seltsam so allein

Zurück in dieser anderen Zeit vorm Österreichisch-nachbarschaftlichen ´Life Is Life´ spielten unsere späteren Massenmainstreamer nämlich arschgeil arrangierte Lieder, die besonders den Fans von ANYONES DAUGHTER und anspruchsvollem Ostrock wie STERN COMBO MEISSEN runtergehen müssten wie die Rahmsoße auf dem Pfeffersteak. Mächtiges Drama erspielen sich gesellschaftskritische Songs wie die Rückkehr des ´Messias´, der auch nach knapp zweitausend Jahren seine Message nicht wirklich unter’s Volk bringen kann:

Gegen 1990 hat es dann Messias
noch einmal versucht
er dachte, nun hätten alle gelernt
den Nächsten zu lieben, das sei gut
er kam mit langen Haaren
und sprach die Botschaft ehrlich aus
den Nächsten zu lieben, ganz ohne Gewinn
und alle, alle lachten ihn aus

Er sitzt im Irrenhaus
Messias darf nicht raus
Messias ist verrückt
wo gibt’s denn so was
Liebe statt Hass
Messias ist verrückt

Das ´Traumbild´ der Umweltzerstörung erinnert mit SUPERTRAMP und alt-GENESIS-Einflüssen ganz brutal nach 40 Jahren daran, dass alle es schon immer wussten, es konstant ignoriert haben, es nur in den Medien irgendwen interessiert, aber niemals in der Praxis:

der Wald, er wird gerodet
der See, er trocknet aus
die Wiese wird zertrampelt
von der großen Menschenschar

die ganze Gegend wird umhüllt
von einem Schleier aus Beton
im Sommer grau, im Winter grau
die neue Stadt steht schon

und jetzt liegen alle Menschen
zuhaus in ihren Betten
und träumen von dem kalten Grau in Grau
das sie überall umgibt

der Traum ist unruhig, der Traum ist nicht schön
kälte stört den Schlaf
beklemmend wirkliche Vision
vom Traum in Grau, der Traum wird nie mehr froh

´Der erste Sonnenstrahl´ erleuchtet das von den deutschsprachigen Progrockerben heutzutage erbaute TRAUMHAUS aus den Fundamenten von ANYONES DAUGHTER, genauso wie ´Der Falter und das Licht´ pure Poesie ist und von dem Erbe großer deutscher Dichter und Denker kündet:

Sein Ziel
es wirkt zum Greifen nah
die Kraft des Lichts ist wunderbar
er spürt
das Dunkel ist verbannt
Die Flamme zieht ihn magisch an
sie läßt ihn nicht aus ihrem Bann
er fliegt hinein
Im Rausch der Sinne fühlt er nicht
das ihn der Schein des Lichts zerbricht
er lächelt und verbrennt.

Kunstvoller als ´Vereint´ hat kaum ein Lied die orgasmische Macht der (körperlichen) Liebe beschrieben, während direkt danach die stets in unserem Umfeld aufzufindende Verzweiflung und zerstörerische Macht der Depression und die Hilflosigkeit der Außenstehenden thematisiert wird:

Er kam zu mir, er war mein Freund
er suchte Trost und Rat
er war enttäuscht vom Leben hier
bereit zu jeder Tat
ich hatte Angst um ihn
ich schrie ihn an

Hey Mensch
reiß dich doch zusammen
schau der Gefahr ins Gesicht
sonst erträgst du sie nicht
Hey Mensch
zeigt sich dir des Lebens Schatten
ja dann geh doch ins Licht
bis der Schatten zerbricht
er hatte Angst zu Leben
und wenn er einmal gefallen war
konnte er sich nicht mehr erheben
keine Kraft, kein Wille war mehr da

Hey Mensch…

Intelligente, lyrische Parabeln befassten sich auch noch in den kommenden Anfangstagen von PUR mehr oder weniger versteckt mit System- und Gesellschaftskritik, die unter weitaus schwierigeren Umständen beispielsweise KARAT mit dem ´Albatross´ oder STERN COMBO MEISSEN mit ´Der Motor´ für das Volk auf Tonträger gebannt hatten. Ebenso meterdicke Gänsehaut verursacht ´Der Henker´ und das neu aufkeimende Spieß(ruten)bürgertum der Hassnationen mit dem immer lauter werdenden Schrei für die finale Bestrafung von Verbrechen, die es nicht zu begreifen gibt und für die man ohnmächtig Vergeltung verlangt, auch wenn das niemandem mehr hilft:

Der Mann war geisteskrank
Was man bewußt übersah
Denn das Volk muß sein Opfer haben
Und das war jetzt da
Man war schnell mit dem Richten
Und es stand schon ein Vollstrecker bereit
Jetzt tut der Henker
Seine grausame blutige Pflicht
Im Namen des Volkes – das sind wir –
Darf er morden
Gesetzlich gesichert.

 

 

Und das alles auf 16 Spuren verewigt auf dieser komplett in Eigenregie gepressten, ersten Platte mit Neoprogkeyboards, abwechslungsreicher, anspruchsvoller Rhythmik, erstklassigen Gitarrensoli und einem Hartmut Engler, der mächtig was zu sagen hatte zur Lage der Nation, die sich in fast allen Punkten damals wie heute genauso brennend aktuell darstellt.

Diese Klasse findet sich zumindest teilweise noch auf den ersten PUR Alben – besonders dem zwar straighteren, weniger proggigen, aber fast ebenbürtigen Debüt ´Vorsicht Zerbrechlich´ (mit Liedern wie ´Roboter´, ´Manchmal (Großstadtsyndrom´, ´Glaubst du denn´, ´Im Labyrinth´), bevor die Band zum seichteren Massenphänomen wurde und den verdienten Lohn für ihre Liveaktivitäten einsteckte, den ich ihnen dank dieser Anfangsperlen einfach gönne, auch wenn ich in ihrer Vergangenheit hängengeblieben bin und mich damit wohlfühle.

´Opus´ wird für einige wohl immer eine dieser Scheiben von der nächsten Generation Hippie-Nachfahren sein, die als alternative oder spöttisch Öko-Rocker (zu denen auch BAP zählten) bezeichnet, in eine Schublade wanderten – doch die Rache ist da… in Form von eigenen Kindern, die heute um „Fridays for Future“ streiten. Vielleicht kapiert wenigstens diese Generation, die es vor allen andern betrifft, die mehr als aktuellen Texte. Andere haben wenigstens die Musik verstanden, einige Wenige das Gesamtkunstwerk.

 

OPUS waren 1981:

Hartmut Engler – Gesang, Tasteninstrumente
Ingo Reidl – Tasteninstrumente
Roland Bless – Schlagzeug und Xang
Rudi Buttas – Gitarren
Jörg Weber – Bass, Xang, Flöte