~ Unser geliebter kleiner Jahresrückblick ~


Flash. Ich wollt, es würd ein Blitz einschlagen, um das Jahr 2020 zu beenden – könnte sich der Eine oder Andere von Euch im Laufe dieses Jahres garantiert des Öfteren gedacht haben. Doch nun ist es tatsächlich soweit, das Jahr neigt sich gewaltig seinem Ende zu und die Zeit ist gekommen, Bilanz zu ziehen.

2020 war und ist auf seinen letzten Schritten musikalisch betrachtet ein äußerst spannendes und interessantes Jahr gewesen. Vielleicht gab es selten zuvor solch eine Vielfalt, die es von Euch und von uns zu entdecken galt. Daher ist es für den Einen oder Anderen mittlerweile sogar schwierig geworden in jede Ecke des Musikuniversums zu schauen oder kam gar nicht mehr hinterher, jeden Winkel auszuleuchten.

Vorhang auf: Auftritt unseres Jahresrückblicks. Wie in den vergangenen Jahren präsentieren wir Euch als Hilfestellung und als unser Resümee zur Ausleuchtung des Jahres 2020 die Top 30 unserer Redakteure in Listenform. Den besonderen Schönheiten hieraus widmen wir uns in einer kurzen Ausschweifung. Mit diesen, von unseren Redakteuren an jeweils fünf Bands und deren Alben verliehenen Schönheitspreisen eröffnen wir in diesem ersten Teil den Flashback 2020. Die kompletten Top 30 der Redakteure stellen wir schließlich im zweiten Teil dar.

 

 

Michael Haifls

Schönheitspreise

 

 

Wer immer noch Liebesbriefe an WISHBONE ASH, BLUE ÖYSTER CULT, THIN LIZZY und JETHRO TULL schreibt und trotz Zeitkontinuum im Jahre 2020 Langspielplatten aus den Siebzigerjahren auflegt, muss sich jetzt umgehend und vorübergehend von alten Lastern befreien, um sich WYTCH HAZEL zu verschreiben. Diese kurzfristige Zuneigung wird in eine unvergängliche Liebe umschlagen. Es muss sich auch niemand, womöglich wie WYTCH HAZEL, den Römerbriefen, den Korinther- und Galaterbriefen zuwenden, selbst wenn das Quartett bislang nie in seinen Kompositionen derart unverblümt wie in ´III: Pentecost´ seinen Glauben offenbart hat. Zudem sind die Briten um Colin Hendra bestimmt auch so offen, Anfragen nach Autogrammen mit entsprechenden Karten zu beantworten. Als augenblicklich beste Hardrock-Band des Planeten sind sie dazu schlichtweg verpflichtet.

Auch BRUCE SPRINGSTEEN schreibt wieder Briefe. Nicht an den scheidenden US Präsidenten wie es 99% der Musikpresse erwartet hat, sondern an dich und mich. Er schenkt seinen Hörern wieder E-Street-Hymnen. Er lebt und fühlt seine Musik. Im Bewusstsein der Endlichkeit und Sterblichkeit spielen Springsteen und Band lauter kleine Oden an das Leben – und gedenken den Lieben, die bereits vor ihnen gegangen sind. Drei Lieder aus der Vergangenheit, neun aus der Gegenwart – ganz gleich ob im Stadion, im Auto oder Zuhause mitgesungen – ´Letter To You´ tönt wie ein Rendezvous aus Gestern und Heute. Zusammen mit seiner Begleitband ist BRUCE SPRINGSTEEN unwiderstehlich und beinahe unschlagbar.

„Hol‘ den Bolzenschneider raus“ und kappe alle Verbindungen zur Außenwelt. Kann funktionieren. Muss aber nicht. FIONA APPLE hat es schlichtweg getan, sie hat mit ´Fetch The Bolt Cutters´ ein Album veröffentlicht, das in diesem Jahr die meisten Jahresendlisten anführen wird. Werk Nummer fünf der Songwriterin darf bereits in diesem Moment, ohne zehn Jahre abzuwarten, als Klassiker gepriesen werden. Dabei basiert die Musik in kleinen Details etwa aus Home Recordings, enthält sogar Hundebellen. In diesen Zeiten, selbst für die Musik immens wichtig, verhält sich FIONA APPLE restlos unkonventionell, schlichte Regeln für den Aufnahmeprozess und den Kompositionsvorgang sind gänzlich Gestern. Modern sind Briefe aus der Selbstisolation. ´Fetch The Bolt Cutters´ wird in der Zukunft wie ein Tagebuch gelesen werden. „Don’t you, don’t you shush me!“ Denn niemand kann solche Lieder und deren Manifest zum Schweigen bringen.

Nicht predigend, aber klagend und zugleich beweinend vollbringt ERIC CLAYTON mit THE NINE nach Jahren der Stille im Hause von SAVIOUR MACHINE sein Comeback. ´A Thousand Scars´ ist dunkel und ist furchterregend. Entgegen aller Besonnenheit ist es äußerst dramatisch. Scheinbar jede Narbe auf der Haut von Eric Clayton und jede seiner Seele erzählt ihre Geschichte. All die Schmerzen aus autobiographischen Ereignissen trägt die gütige Bariton-Stimme in einer opulenten Songsammlung vor. ´A Thousand Scars´ ist ein Genuss-Werk für momentane und künftige Stunden der Muße und Einkehr. Monumental.

Sie erweckten zwei Welten in ihrem Musikuniversum zum Leben: 1990 ´A Social Grace´ und 1992 ´Into The Everflow´. Auch anschließend statteten sie uns noch zweimal einen Besuch ab: PSYCHOTIC WALTZ. Doch hernach war für Jahrzehnte Stille. Also schrieben wir Liebesbriefe nach Österreich zu Sänger Devon Graves (aka Buddy Lackey) und in ihre Heimat, den USA, zu Gitarrist Brian McAlpin und Dan Rock und flehten um ihre Wiederkehr. 2020 hatten PSYCHOTIC WALTZ endlich ein Einsehen und konnten das nicht mehr für möglich gehaltene Comeback-Album vorlegen: ´The God-Shaped Void´. Es wurde natürlich kein neues Universum erschaffen, wie mit den ersten beiden Götterscheiben, aber PSYCHOTIC WALTZ beweisen, dass sie jederzeit wieder in den Olymp der aktiven Formationen aufsteigen können. Für eine echte Sternstunde sind sie jederzeit zu haben.

 

 

Less Leßmeisters

Schönheitspreise

 

 

Was ist es, das ein Stück Musik zu einem meiner meistgeliebten Alben des Jahres werden lässt? Wenn dich ein Album von den ersten Takten und Gitarrenakkorden an fesselt, berührt, Erinnerungen an unvergessliche Momente deines Musikfanlebens aufblühen lässt und doch irgendwie so ganz anders ist, bei aller Sentimentalität ein zufriedenes Gefühl bereitet, dich mit Heavyness, Detailverliebtheit der Kompositionen, Atmosphäre und einer Stimme voll großer Emotionen überrollt und auch nach etlichen Durchgängen nichts von seiner Faszination verliert. Passion in musikalischer Perfektion. Das ist FARO (´Luminance´).

Was ist es, das ein Stück Musik zu einem meiner meistgeliebten Alben des Jahres werden lässt? Ein Debüt, dessen textliche und musikalische Tiefe in einer entsprechenden Darbietung die Vielseitigkeit der behandelten Emotionen durch Instrumentarium, Tempowechsel und vor allem die von den Stimmen transportierten Gefühle in einer Weise auszudrücken vermag, wie es nur die besten Bücher oder Filme schaffen. Trotz der Dramatik und durchgehenden Traurigkeit schafft es dieses Album, bei mir einen Zustand von innerer Ruhe bis unbändiger Euphorie hervorzurufen, die jeden weiteren Durchgang zu einem Erlebnis werden lässt. Das ist FLEETBURNER (´Fleetburner´).

Was ist es, das ein Stück Musik zu einem meiner meistgeliebten Alben des Jahres werden lässt? Ein Projekt, das mich seit dreiunddreißig Jahren durch verschiedene Phasen meines Lebens begleitet und noch niemals enttäuscht hat – wie ein guter Freund. Wie ein jeder von uns selbst ist es gewachsen, hat viele verschiedene Musiker erlebt, sich entwickelt, hat überrascht und ist letztendlich angekommen. Im Jahre 2020 – abwechslungsreicher, melodischer und stärker als je zuvor, ohne seinen Charakter aufzugeben und konnte dazu meine kühnsten Erwartungen übertreffen. Das ist MEKONG DELTA (´A Tale Of A Future Past´).

Was ist es, das ein Stück Musik zu einem meiner meistgeliebten Alben des Jahres werden lässt? Musik, deren düsterer Grundtenor sich in einer Intensität entfaltet, dass man nicht weiß, ob sie einen verstört, betört oder nur die tiefsitzendsten Charaktereigenschaften offenlegt. Ursprünglich, ungeschminkt, ungeschönt, hart, roh, ehrlich, wild, aufregend, anregend, verzweifelt, aggressiv und dunkelschön erlebt ihr alle Facetten des Gefühls „Rot“. Slowdeepdarkheavy in tiefschwarz. Das ist ROSY FINCH (´Scarlet´).

Was ist es, das ein Stück Musik zu einem meiner meistgeliebten Alben des Jahres werden lässt? Ein Werk, geschaffen von Künstlern mit einer Vision – über Grenzen und Kontinente hinweg – aber einem gemeinsamen Ziel: Etwas kreieren, das mehr ist als Musik. Mehr als die Vertonung von Stimmungen, Atmosphären, Bildern und Gefühlen. Ein Kunstwerk, das die Grenzen so unbeschreiblich sprengt und ein Hörerlebnis darstellt, das seinesgleichen in der Musikszene sucht. Das ist VITAM AETERNAM (´The Self-Aware Frequency´).

 

 

Jürgen Tschamlers

Schönheitspreise

 

 

Mit einem halben Jahr Verspätung bin ich erst so richtig auf das Album `Morningstar` aufmerksam geworden. Und inzwischen ist es ein Dauerläufer mit massivem Suchtpotential. Kaum ein anderes Album hat mich, rückblickend, so berührt. Dabei ist Melodic-Progressive-Metal nur bedingt ein Genre, das ich wirklich mag. Aber die Verbindung von Eingängigkeit, brutal hoher Melodiedichte, gigantischen Refrains und dabei anspruchsvollem Songwriting, von der Gitarrenarbeit ganz zu schweigen, vereint sich hier auf unfassbarem Niveau. Ich habe da konstant Gänsehaut. Alleine das A-Cappella-Intermezzo ´History´ haut einen komplett um. `Morningstar` ist eine Göttergabe in meinen Augen. LORD OF LIGHT sollten in Zukunft von dieser musikalischen Spur keinen Millimeter abweichen.

Die Finnen SATAN`S FALL legen mit `Final Day` ihr Debüt vor und zeigen beeindruckend wie man sich weiterentwickelt hat. Weg vom reinen speedigen Heavy Metal zu mehr Vielseitigkeit, trotz Festhalten an klassischen Achtziger-Einflüssen. `Final Day` ist in jeder Sekunde „Heavy Metal“ ohne verdünnende Elemente. Galoppierende Gitarren, fluffige Soli, coole mehrstimmige Refrains, gekoppelt mit „Fist-in-the-Air“-Attitüde. Gerade diese Eingängigkeit ist das große Plus der Finnen. Der Mix aus schwedischem Hard Rock, speedigem NWoBHM und US-Agilität hat man sauber in einen leicht puristischen Sound verpackt. Geile Scheibe, die im krassen Gegensatz zu meiner Nr. 1 steht.

Die Lässigkeit und hohe Qualität mit der H.E.A.T auf `II` agieren begeistert auch am Ende des Jahres noch. Trotz vieler sehr starker Releases im Melodic Metal-Genre, `II` ist nicht zu knacken. Knackige Heavyness, satte Refrains, feurige Gitarren und ein Grönwall, der alles in Grund und Boden singt, macht dieses Album zu einem Ereignis. Dass Grönwall bei H.E.A.T ausgestiegen ist, spricht nicht wirklich für eine große Zukunft der Schweden. Aber zumindest haben sie mit diesem Album einen Klassiker des Genres geliefert.

PINNACLE POINT, die Band um den grandiosen ex-ANGELICA Sänger Jerome Mazza, haben ein Werk geliefert, das KANSAS nicht besser hätten machen können. Also ein typischer Fall von musikalischem Diebstahl? Schlichter Kopiererei? Jaein? `Symphony Of Mind` wirkt im Vergleich zum aktuellen KANSAS-Album `The Absence Of Presence` songtechnisch nachhaltiger, was wiederum an der Eingängigkeit und den besseren Melodien liegt. Das sogenannte Ohrwurmpotential dieses Album ist enorm und der Gesang von Jerome Mazza steht einem Steve Walsh in nichts nach. Gerade die melodischen Komponenten und eingängigeren Refrains fressen sich wie Maden gnadenlos in die Gehörgänge. `Symphony Of Mind` ist ein wahres Gourmet-Album mit Suchtfaktor.

Kurz vor Jahresende, und völlig überraschend, ist das Debüt der Schweden ELECTRIC HYDRA eingeschlagen. Die zwei Damen und drei Herren fielen schon mit der vor einem Jahr veröffentlichten 7inch auf und das gleichnamige Debüt haut dann auch ordentlich den Dreck aus den Ohren. Der Mix aus Stoner-, Power-, Doom- und Bulldozer-Sound ist rotzig, aber nicht Retro, brachial aber mit eingängigem Groove und letztendlich mit massiven Riffwänden ausgestattet. Mit verantwortlich für diesen Gitarrenabriss ist u.a. AT THE GATES-Axtmann Jonas Stahlhammar. Es fehlen weder Hooks noch Groove und man kann sicher THE WELL, MONOLORD, TROUBLE zu den mächtigsten Einflüssen zählen. Ein mächtig fettes, monströses Brett!

 

 

Marcus Köhlers

Schönheitspreise

 

 

Die finnische Soundmaschine ORANSSI PAZUZU integriert erneut erfolgreich Elemente verschiedenster Genres: ob nun Space-Rock, Doom, Psychedelic mit 70er-Jahre-Touch, Progressive Metal und auch nach wie vor gewisse Anteile an Schwarzmetall. `Mestarin Kynsi` ist ein einziges schwindelerregendes Rennen, prall gefüllt mit spannungsbildenden Abschnitten, unerwarteten Drehungen und Wendungen sowie einer robusten und bedrohlich-dröhnenden Wall Of Sound. Die Welt wird mit einer ungeheuren Intensität pulverisiert – und was noch bleibt, ist nichts weiter als die psychedelische Hölle!

Die Notwendigkeit, immer an den äußeren Rändern der musikalischen und politischen Extremität zu sein, treibt NAPALM DEATH auch anno 2020 immer noch weiter voran und erschlägt mit einer besonders prachtvollen Wucht und Härte. `Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism` ist ein weiteres zeitloses Zeugnis an Grindcore-Brillanz, das sowohl vergangene, gegenwärtige und zukünftige Sounds enthält, und es ist eine unablässige Flut an spitzer Wut und aufrichtiger Aggression. Mit jeder Ära scheinen die vier Birminghamer immer noch höchst aktuell und an vorderster Front des Genres zu sein, um erneut mit einer ungeheuer kraftvollen Botschaft zurückzukehren, die nur unter der gewichtigen Brutalität ihrer Musik vermittelbar ist.

Steve Austin ist der verrückte, visionäre Frontmann von TODAY IS THE DAY und zugleich deren einzige Konstante, und erforscht nun bereits über drei Jahrzehnte hinweg nahezu jegliche Formen des brachialen Sounds – vom Noise Rock, Black Metal und Grindcore bis hin zu Industrial, Psychedelia und experimentellem Post Metal. Obwohl TITD gemeinhin für aggressive Texturen und ungewöhnliche Rhythmen stehen, so gibt es auf `No Good To Anyone` jedoch eine eindeutige Reichweite in die Ebenen des Surrealen und Erhabenen. Das Psychedelische und Progressive werden deutlich stärker betont, wobei selbst die dunkelsten Tiefen auf leidenschaftliche Weise auslotet sind.

Das norwegische Sextett KVELERTAK hat sich als ein Act etabliert, der musikalisch höchst versiert ist, zugleich aber auch stets einen höllischen Spaß bereitet. Einiges auf `Splid` klingt wie Crust Punk aus den frühen 80ern oder Black Metal in seiner Frühphase, manches sogar wie 70er-Jahre-Arena-Rock-Gitarren-Geplärre. Es gibt ein paar wunderbar hübsche akustische Momente mit der Strahlkraft von erstklassigem Radio-Grunge, aber auch neoklassische METALLICA-Interludien aus deren kreativster Zeit in der 80ern. Aber KVELERTAKs größte Gabe ist, wie sie das alles zusammenfließen lassen und damit eine mitreißende Synthetik gewaltiger Riffmonster an Rock Songs formen  – so als wollten sie MARDUK, VAN HALEN, SOUNDGARDEN, DISCHARGE und THIN LIZZY gleichzeitig spielen.

Nach sechs Jahren Albumabstinenz kanalisieren die Italiener NERO DI MARTE erneut ihre Outré-Death Metal-Dissonanz. Die Hüllkurve ihres Sounds wurde noch weiter verschoben, verkörpert sowohl die Ästhetik des Dark Jazz und der Avantgarde, und wirkt in ihrer Fließfähigkeit und Struktur oftmals schon beinahe improvisatorisch. `Immoto` glänz vor allem aufgrund seiner zahlreichen meditativen Passagen, geschichteten Kreuzungen und knackenden Stellen an kulminierender Intensität. Ein packendes Erlebnis und eine anspruchsvolle Reise, die Geduld erfordert und stets belohnt wird, da sie durchweg neue Ebenen und Tiefen kreativer Spitzenleistungen offenbart. Wie ein farbenfrohes Quadrat in einer Welt voller trostloser, runder Löcher.

 

 

Mario Wolskis

Schönheitspreise

 

 

Hier in der Region könnte es in Fankreisen heißen, LORD VIGO zu erklären ist wie Kaiser nach Lautern zu tragen. Schon der Vorgänger ´Six Must Die´ war in aller Munde. Die schwarzen Tänze ´Danse De Noir´ sorgten in 2020 nun endgültig für Furore. Dafür bewegten sich LORD VIGO über die Jahre weg vom klassischen Doom hin zu einem epischen und breiten Heavy Metal. Und es wird aus dem Vollen geschöpft. BLACK SABBATH mit Tony grüßen genauso wie die frühe NWoBHM und Epik-US Stahl. Dass die Herrschaften cinephil sind, klar, die Pseudonyme sind den „Ghostbusters“ entlehnt. Der Vorgänger bezog sich streckenweise auf „The Fog“. Und ´Six Must Die´ vertont den Klassiker „Blade Runner“. LORD VIGO schaffen es gar, auch in der Mittagshitze Atmosphäre zu verbreiten, so erlebt beim Iron Hammer in Andernach.

35 Jahre gibt es sie schon. MACBETH waren und sind noch immer eine Institution deutschsprachigen Metal. Dabei stehen sie mit festen Füßen auf eher klassischen Spielarten. Heftige Riffs und treibende Rhythmen, so sollten sie auch für den ein oder anderen Thrasher interessant sein. Inhaltlich immer kämpferisch, auch mal provokant, sozialkritisch, ohne sich in eine Ecke stellen zu lassen, auch die Texte sind ein Genuss. Nicht nur ´Gotteskrieger´ verursachte einiges Zähneknirschen. Dabei fallen sie aber nie in diesen falschen, weinerlichen ONKELZ-Pathos. Da bleibt nur eines zu sagen. In dieser Form von ´Gedankenwächter´ schaffen die Thüringer sicher noch einmal 35 Jahre.

Zwei, nein, eher drei Kandidaten bewarben sich für mein Prog-Album des Jahres. Die altbekannten Franzosen LAZULI in neuer Form, aus Schweden waren das die ARABS IN ASPIC und zu guter Letzt LOGOS aus der Stadt von Romeo und Giulietta. Nein, das ist nicht die leichteste Übung, sich da zu entscheiden. LOGOS erzählen in ´Sadako E Le Mille Gru Di Carta´ von Sadako, ein Mädchen aus Hiroshima, das den Bombenangriff überlebte. Später jedoch kamen die Spätfolgen. Krebsdiagnose, Klinikaufenthalt. Dort begann sie Kraniche aus Papier zu falten, fast zweitausend bis zu ihrem Tod. Auf der Grundlage dieser Geschichte entstand ein Prog-Album voller Sonne, voller Wärme, Hoffnung und Zuversicht. Ganz in italienischer Tradition vereinen sich progressive Rock-Klänge und Belcanto zu einem fesselnden Gebräu. Und wenn in ´Il Sarto´ dann auch noch der große Ennio Morricone durchklingt, sollte der Groschen endgültig gefallen sein. Diese Band kann noch Großes leisten.

Thrash Metal steht selten auf meiner Playliste. Der ist mir persönlich zu oft zu sehr Streitaxt statt dem feinen Florett. Die Farben werden nicht mit dem feinen Einhaarpinsel auf die Leinwand aufgetragen, sondern mit dem Spachtel. Ausnahmen bestätigen die Regel. Da kommt so eine Abrissbirne und haut mich um. In 2020 waren es ONSLAUGHT, die mich erwischten, auch fast ohne feine Klänge. Die Schläge wohlgezielt gesetzt, ein paar Tritte vors Schienbein, was will man mehr? Jeder, der mit SLAYER sozialisiert wurde, ist hier gut aufgehoben. Wer nur ´In Search Of Sanity´ kennt, dürfte mit ´Generation Antichrist´ ein kleines Blaues Wunder erleben.

Auch der traditionelle Metal hatte 2020 einiges zu bieten. So manche alteingesessene Band hat sich zurückgemeldet. Und noch mehr neue, junge tauchten auf der Bildfläche auf. Neben COLTRE und SATAN’S FALL beeindruckten mich vor allem BUTTERFLY. Auch wenn sie so tönen, sie stammen nicht aus Birmingham oder Leeds, Die Schmetterlinge sind im australischen Melbourne zu Hause. Dennoch klingen sie auf ´Doorways Of Time´, als hätten sie die frühe NWoBHM mit der Muttermilch eingesogen. Immer mit der nötigen Power unterwegs, vergessen sie aber nie, wie sich ein Song wirklich im Ohr festsetzt. So lange es noch junge Bands gibt, die so kraftstrotzend tönen und der Tradition frönen, so lang ist mir um den Heavy Metal nicht bange. Auch, wenn es schon öfter hieß, er sei tot.

 

 

Don Carlos‘

Schönheitspreise

 

 

Das langersehnte und nicht mehr für möglich gehaltene Comeback-Album ´Forever Black´ von CIRITH UNGOL, schlug wie eine Bombe in der Metal Community ein und machte allenthalben nur in den höchsten Tönen von sich reden. Eine hinreichende, aber nicht zwingend notwendige Voraussetzung dafür ist, dass man auch vorher schon ein Anhänger dieser doch sehr eigenständigen und eigenwilligen Band war. Der Hinweis, dass dieses Album die einzige je von mir vergeben Zehnpunktebewertung erhalten hat, spricht für sich! Mehr brauche ich dazu wohl auch nicht zu sagen, oder?

Mit 9,5 Punkten ist ´Refractions´ von LOWRIDER auch nicht allzu weit von der Höchstnote entfernt und hätte diese wohl auch erreicht, wenn nicht etwas Recycling mit alten Werken betrieben worden wäre. Auch hier war die Freude über eine nicht mehr für möglich gehaltene Reunion groß und das alle Erwartungen übertreffende Ergebnis so hochwertig, dass es zukünftig zweifelsohne als Referenzwerk im Genre des Stoner Rock herangezogen werden wird. Ich werde auf jeden Fall nicht müde, diese Scheibe immer und immer wieder aufzulegen und das ist meines Erachtens der beste Beweis dafür, dass diese Top-Bewertung gerechtfertigt war.

Immerhin 9 Punkte erhielt ´Wanderer´ von RUNEMASTER, obwohl ich mich bei dieser Scheibe mittlerweile tatsächlich Frage, warum sie nicht die Höchstnote von mir erhalten hat. Höre ich sie mir nämlich heute mit etwas Abstand noch einmal an, so finde ich dafür keinen objektiven Grund mehr, denn bei der Musik auf `Wanderer´ handelt es sich um den Inbegriff des epischen Heavy Metal und wer MANILLA ROAD, DOOMSWORD oder VISIGOTH nicht nur zur Deko in seiner Sammlung stehen hat, der kommt an dieser Scheibe nicht vorbei.

Sowohl HITTMAN als auch GLACIER waren sehr lange Zeit von der Bildfläche verschwunden und haben sich nun mit einem derartigen Paukenschlag zurückgemeldet, wie es vermutlich viele erhofft, aber es ihnen nur wenige zugetraut hätten. Beide Arbeiten schließen qualitativ an ihre mittlerweile zu Kultalben avancierten Werke an und wischen die vielen Jahre, die seit deren Veröffentlichungen vergangen sind, mit einem Handstreich fort. Man könnte fast meinen, die älteren Herren hätten gelangweilt in ihren Wohnzimmern gesessen und sich irgendwann gesagt: „Kommt, jetzt zeigen wir denen da draußen, dass wir es noch können!“ Wer auf klassischen US-Metal mit viel Melodie und einem leicht progressiven Einschlag (HITTMAN) oder auch mit einem Schuss Power (GLACIER) steht, der kommt an diesen beiden Scheiben einfach nicht vorbei. So muss US Metal nämlich klingen. Michael hat ´Destroy All Humans´ 9 Punkte und ´The Passing Of Time´ 8,5 Punkte zuerkannt. Ich hingegen hätte beiden klare 9 Punkte gegeben, denn das Comeback von GLACIER ist zwar anders, aber meiner Meinung nach keinen Deut schlechter als das von HITTMAN.

 

 

[Die Top 30 unserer Redakteure befinden sich in Teil II – Feinheiten; klicke hier!]