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PRETENDERS – Hate For Sale

~ 2020 (BMG) – Stil: Rock ~


Obwohl Chrissie Hynde jahrelang mit einer eingeschworenen Truppe live auftrat, spielte die Sängerin/Gitarristin das 2016er Album ´Alone´ mit Sessionmusikern ein. Vier Jahre später veröffentlichen die PRETENDERS jedoch ihr elftes Album in der halb-klassischen, aktuellen Live-Besetzung, inklusive dem letzten, neben Bandgründerin Chrissie Hynde noch lebenden Ur-Mitglied/Schlagzeuger Martin Chambers, sowie Bassist Nick Wilkinson und Gitarrist James Walbourne, mit dem Chrissie Hynde erstmals gemeinsam alle Songs geschrieben hat.

2020 sind die PRETENDERS eine Rockband, die eindeutig ihre Wurzeln in der britischen Rock-Tradition sieht. Die Punk-Roots sind immer noch vorhanden, die des späteren New Wave eher nicht. Einen übermächtigen und typischen Achtzigerjahre-Song wie den Poprock-Hit ´Don’t Get Me Wrong´ haben sie erwartungsgemäß ebenfalls nicht im Gepäck.

 

 

Stattdessen ist der Opener ´Hate For Sale´ eine Reminiszenz an die Punk-Ära und ein Tribut an die, ihrer Meinung nach, musikalisch wertvollste Punk-Band THE DAMNED. Immerhin gehörte Chrissie Hynde der Vorgängerband von THE DAMNED namens MASTERS OF BACKSIDE an. Bei einem starken Rhythmus lassen die Gitarren diverse Einflüsse zu, auch die Rock’n’Roll-Roots tönen durch. Der Einfluss der KINKS schaut bei ´I Didn’t Know When To Stop´ um die Ecke. Schließlich war die erste Band-Single ´Stop Your Sobbing´ ein Cover der KINKS und Chrissie in erster Ehe mit Ray Davies (THE KINKS) verheiratet. Ein ´Didn’t Want To Be This Lonely´ stellt sich diesem obendrein in einer THE CLASH-Aura nicht schlechter hintenan. Das besonnenere ´The Buzz´ hält noch dezent das Dan Auerbach-Feeling (THE BLACK KEYS) des Vorgängers bereit. Öfters holt Chrissie im Laufe des Albums schaurig schön die Mundharmonika hervor. Klingt der Reggae-Spirit von  ´Lightning Man´ noch irgendwie auf Drogen gespielt, darf das Beat-Club-Publikum zu ´Turf Accountant Daddy´ und ´Junkie Walk´, einem möglichen Dauerbrenner á la THE WHITE STRIPES, durchgehend klatschen. Irgendwie lässt es sich zudem nicht leugnen, dass beim Hören von ´Maybe Love Is In NYC´ auch BLUE ÖYSTER CULT in den Sinn kommen, obwohl die Komposition im Poprock aufblüht. Bei der Ballade ´You Can’t Hurt A Fool´ sowie beim Klavier-Finale ´Crying In Public´ zeigt Chrissie ihre – auch 42 Jahre nach Bandgründung – fantastische Stimme.

Dass Chrissie Hynde, die Rockikone der Achtzigerjahre, vor acht Jahren dem Rauchen und Trinken abgeschworen hat, und nur noch mit Freude alles in ihrem Leben genießt, ist der Lässigkeit des neuesten Werkes anzuhören. ´Hate For Sale´ ist weder ein krampfhaft vorgetragenes Retro-Punk- noch ein Pop-Rock-Album. ´Hate For Sale´ ist schlicht ein kraftvolles und überraschend famoses Album der PRETENDERS.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/pretenders/


Fotocredit: Matt Holyoak
(VÖ: 17.07.2020)