PlattenkritikenPressfrisch

DAVID JUDSON CLEMMONS – Tribe & Throne

~ 2020 (Village Slut Records) – Stil: Indie-Alterna-Psych-Prog-Rock ~


 

Musik sollte in allererster Linie natürlich zunächst einmal unterhalten. Wenn sie einen dann noch so richtig packt, es zusätzlich schafft, Emotionen und Gefühle zu transportieren und sogar eine Gänsehaut zu zaubern, umso besser! Womit wir bei dem hier betreffenden Protagonisten und Ausnahmekünstler DAVID JUDSON CLEMMONS angelangt wären. Denn seine Vorstellung und Darbietung der „akustischen Künste“ ist nicht nur dermaßen tiefgreifend und intensiv, sondern auch spannend, faszinierend und berührend zugleich. Der bereits seit Jahren in „unserer“ Hauptstadt Berlin lebende, und der Tischler- und Restaurierungskunst ausübende und bekennende Holzwurm (Hallo Herr Kollege, ich bin übrigens gelernter Schreiner – *grins*), und aus Virginia stammende US-Amerikaner schert sich einen Dreck um musikalische Vorgaben, Normen oder Konventionen und musiziert frei von der Leber weg…

David himself, der in seiner bereits gut 30-jährigen Karriere immer über den musikalischen Tellerrand hinaus geblickt hat, keine Grenzen kannte und kennt und seit jeher für alles offen ist, dürfte einigen von Euch vielleicht noch von seiner gemeinsamen Arbeit mit dem ehemaligen MEGADETH-Gitarristen Chris Poland bei der Formation DAMN THE MACHINE ein Begriff sein, wo er eher progressiveren und jazzigen Klängen frönte. Oder aber durch mehrere Veröffentlichungen mit seinem Projekt JUD oder der Truppe FULLBLISS, die sich eher dunklen und „wavigeren“ Tönen verschrieben haben. Auf seinem hier und jetzt vorliegenden Solo-Album `Tribe & Throne´ hat Herr Clemmons einfach all diese unterschiedlichen Stile und Genre in einen Topf geworfen und so fällt der aktuelle Longplayer sowohl progressiv und verspielt, als auch düster, emotional und „wavig“ aus.

Aber nur so, und auf diese Art und Weise, können Klangperlen wie zum Beispiel der sensationelle Opener `Our Love Our War´, mit herrlichen „Wah-Wah“-Gitarrenpassgen, emotional packendes und sogar leicht poppiges wie `It Or The Dome´ oder hart und brachial rockendes wie `Servants´, das zum Ende hin regelrecht explodiert, das Licht der Welt erblicken. Abwechslung ist Trumpf und wird hier ganz groß geschrieben und so kommen auch ruhigere Elemente, melancholischere Töne oder teils sogar bedrohliche Synthie-Sounds nicht zu kurz. Vergleichbare Bands zu nennen erscheint schwer, spannt David Judson Clemmons den musikalischen Bogen doch von Prog. Rock-Größen wie PINK FLOYD, über dezent waviges der Marke THE MISSION und den Melancholic-Rockern SECRET DISCOVERY bis hin zu ganz eigenständigen und individuellen Formationen wie zum Beispiel CIVIL DEFIANCE oder auch SONIC YOUTH und ist somit kaum zu beschreiben oder gar einzusortieren.

Auch wenn insgesamt so manches etwas anders, „strange“ oder vielleicht sogar abstrakt und sperrig klingen mag, folgt `Tribe & Throne´ trotzdem einer ganz klaren Linie, ist wohl durchstrukturiert und funktioniert somit am Besten nur am Stück und als Gesamtwerk an sich. Denn ganz geschickt hat der Künstler hier die einzelnen Kompositionen verbunden und klug angeordnet, um die Spannung zu jeglichem Zeitpunkt auf dem Siedepunkt zu halten, so dass nie auch nur einen Funken an Langeweile aufkeimen kann. Musikliebhaber sollten `Tribe & Throne´ unbedingt eine Chance geben und einem persönlichen Hörtest unterziehen. Taucht ein in die ganz speziellen Soundwelten eines David Judson Clemmons – Ihr werdet es bestimmt nicht bereuen. So geht gute, eigenständige und innovative Underground-Mucke!!!

 

(Big 8 Points)

Armin Schäfer

 

 

 

 

 

 

`Tribe & Throne´ wirkt im Hier und Jetzt als Katharsis. Jede Komposition des Werkes versucht ihrem Ursprung zu entfliehen und ihre Aura in ein grelles Leuchten zu tauchen.

DAVID JUDSON CLEMMONS tritt mit `Tribe & Throne´ die Flucht nach vorne an. Seine 2018 und 2019 komponierten Songs beschreiben den aktuell mürben Gesellschaftszustand, ohne bewusst politisch zu agieren. Ein konzeptioneller Anreiz zum Nachdenken und Sinnieren.

Die Projekte JUD sowie FULLBLISS liegen schon lange, DAMN THE MACHINE erst recht weit hinter David Judson Clemmons. `Tribe & Throne´ ist bislang das vierte Werk unter seinem vollen Namen – aufgenommen von Thomas Götz (BEATSTEAKS) in Berlin, mit ähnlichen Aufnahmetechniken wie einst sein erstes 2004er Solo-Werk ´Life In The Kingdom Of Agreement´ sowie JUDs 2016er ´Generation Vulture´.

`Tribe & Throne´ besitzt alles. Zeit, Mut und Melodie. Ein hypnotisierende und fiebrige Atmosphäre.

Die Melancholie der Neunzigerjahre wird zur dehnbaren Echtzeitstimmung.

´Our Love Our War´ wandelt in Sphären von Space und Psychedelica. Der Song wallt in der Freudensbotschaft des Post Rock auf. Mühelos den Wahnsinn genießend („Through time and space, these years of grace“). Sich Zeit nehmende CIVIL DEFIANCE- und PSYCHOTIC WALTZ-Anbeter müssen bei diesem Trip selbstredend dabei sein, selbst wenn die psychedelische Wall-of-Sound in ´My Trust´ zunimmt. Kraft und Ausdauer ziehen in ihrer Ausdrucksstärke forsch an, zwischen DEFTONES und VOIVOD in der eigenen, in der Berliner-Spur.

Die psychedelischen Wellen wachen zu ´Dark Walk Home´ endgültig auf, derweil das ohnehin phantastische Schlagzeugspiel von Thomas Götz die Marschrichtung vorgibt. Zu Beginn gar im Paralleluniversum neben MAYFAIR. David Judson Clemmons quält immerfort und solange seine Gitarre und seine Stimme bis er den Siedepunkt der jeweiligen Komposition erreicht hat – ob sich der Erinnerung hingebend („I think a lot of my time in America“) oder dem Aufbruch nachgebend („Now I´ve said goodbye to the old world“).

Es ist bei der Besetzung nicht verwunderlich, dass etwa in ´It Or The Dom´ auch Einflüsse deutscher Alternative Bands wie SCUMBUCKET durchblinzeln. Die lange angekündigten Explosionsschübe branden letztlich in ´Servants´ zerstörerisch auf, wenn – nach langem Brummeln der Musik – David ausruft: „I’ll satisfy machine“!!!

Ein letztes Aufbäumen, die Trommeln schlagen, die Gitarre vibriert, der Traum von ´The Loyalty´ ist vorbei („Dream, and the war will end“).

`Tribe & Throne´: Die Hoffnung stirbt zuletzt. `Tribe & Throne´: Die Masse der Weltbevölkerung (56,6%) besitzt 1,8% am Weltvermögen, die Wenigen (0,9%) besitzen 43,9%. Wo ist die Balance?

 

(8,5 Punkte)

Michael Haifl