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ERIC CLAYTON – A Thousand Scars

~ 2020 (Independent) – Stil: Dark Rock ~


Ein Aufschrei, ein Hilfeschrei in Zeiten des Unglaubens: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ [1]. Allein ein Gebet mag helfen, böse Geister zu vertreiben. Und derer hat Eric Clayton in den vergangenen Jahrzehnten gemäß seiner Lebensumstände wohl reichlich zu vertreiben gehabt.

Gemeinsam mit seinem Bruder Jeff Clayton gründete er vor über drei Dekaden SAVIOUR MACHINE. Ihre Alben ´I´ (1993) und ´II´ (1994) sind Legende, ebenso ihre Auftritte, obwohl sich der Verfasser dieser Zeilen beim SAVIOUR MACHINE-Auftritt zu ihrem zweiten Werk nicht zwischen dem Anblick der bannenden Gruppenpräsenz und dem von einem hübschen Girl hinter der Theke am Bühnenrand entscheiden konnte [2].

Nach einer unvollendeten Alben-Trilogie nahm das Schicksal tragischer Weise seinen eigensinnigen Lauf: 2004 wird bei Eric Clayton die Diagnose Barrett-Ösophagus festgestellt und sein Körper mit Pillen vollgepumpt. So endet seine musikalische Karriere abrupt, seine Ehe zerbricht und er zieht sich in die Wüste von Utah zurück. Denn dort lassen sich böse Geister am besten vertreiben [3]. Eric Clayton bleibt vom Erdboden verschwunden.

Jahre später soll erst sein Buch „The Collective Journals: 1997 – 2009“ möglicher Weise Aufklärung verschaffen. Und er tritt immerhin 2004 bei AYREONs ´The Human Equation´-Werk und bei dessen Aufführung 2015 wieder in Erscheinung. Er findet eine neue Frau für das Leben und nimmt zusammen mit seinem Bruder Jeff ein Projekt zu Ehren ihres verstorbenen Idols David Bowie auf (´Bowie:Decade´). Nach und nach schließen sich ehemalige SAVIOUR MACHINE-Mitglieder an, so dass eine Wiedervereinigung der Legende im Studio in naher Zukunft nicht auszuschließen ist. Das künftige Werk soll sogar den Titel ´III´ tragen.

Während der Arbeiten an einem neuerlichen SAVIOUR MACHINE-Album fasst Eric den Entschluss, sein äußerst persönliches Songmaterial außerhalb des gewohnten Bandkontextes solo aufzunehmen. Er formt mit einigen Musikern aus den Niederlanden ERIC CLAYTON & THE NINE, spielt mit diesen 2018 und 2019 live und präsentiert 2020 sein Solo-Werk ´A Thousand Scars´. Mit im Studio natürlich THE NINE: Bas Albersen (Gitarre), Jeroen Geerts (Gitarre), Rob Dokter (Bass), Ludo Caanen (Keyboards, Piano) und Twan Bakker (Drums). Dazu gesellt sich im Backgroundgesang (mit Frau und Familie) sowie als Mitproduzent Devon Graves (PSYCHOTIC WALTZ) und Bruder Jeff Clayton an der Gitarre.

Eric Clayton referiert nach jahrelangem Schweigen in anhaltend getragenen 15 Kompositionen von seinen ´Thousand Scars´. Die Schmerztherapie startet mit ´The Space Between Us´. Die Töne scheinen sich langsam aus allen Dimensionen einzufinden, nicht unähnlich den Aufwärmübungen eines Orchesters. Doch direkt in das Ohr klingt die förmlich in einer trockenen Wüste auftosende Gitarre. Dann finden urplötzlich Rhythmus und Gesang zusammen und begehen die Route des „Little Drummer Boy“. Eric Clayton beschreitet mit Bariton-Stimme sachte die Stufen der Dramatik und singt von Liebe, Wahrheit und Hoffnung in Abwandlung zu Glaube, Hoffnung, Liebe [4]. Eine magische, vibrierende Stimmung über unseren mächtigsten Besitz: die Liebe. Damit wir uns in aller Hoffnung, am Ende in aller Liebe in den Armen liegen, für immer.

Als steter musikalischer Unruheherd erweist sich das meiste Liedgut, auch ´Revelation Mine´ mit seinem orientalischen und progmetallischen Anstrich im Sinne von VAUXDVIHL, über die Irrwege in der Dunkelheit und im Wahn zwischen Prophet und Heiler, Held und Träumer, letztlich den Schmerz ergreifend. Der Ursprung all unserer Leiden beginnt allerdings in der Kindheit. Die Liebe zur Mutter und zum alkoholabhängigen Vater thematisiert ´Where It Starts´, nahezu in der Art und Weise einer typischen SAVIOUR MACHINE-Ballade [5]. Wenn dabei Gewalt und Angst das junge Leben beherrschen, kochen diese längst verjährten Gefühle in der orchestralen und vom Klavier begleiteten Komposition ´A Man’s Heart´ abermals hoch. Der Schmerz entzündet sich zwischen Angst und Wahnsinn.

Erneut kommt im orientalisch angehauchten ´Initiated´ der Ruf nach dem Schutz von Kindern auf. Es offenbart sich die selbstzerstörerische Wut in der wuchtigen Dramatik von ´The Cages´, die selbst zugefügten Verletzungen werden im exzentrischen Geschrei des himmlischen Chors, des keine Luft lassenden ´Lacerations´ sichtbar. Abermals mit Devon Graves und Ehefrau Genia Lackey im Chorgesang. Die dichte Atmosphäre nimmt durch die Synthesizer und das Programming von Adam Pederson in ´A Subtle Collapse´ sowie ´American Whore´ zu. Monumentale Weiten des Industrial Rock zeigen sich. Majestätisch. Verloren im amerikanischen Traum.

Neu geboren. Doch so wie die Stimme in ´New Man´ nochmals aufhallt, verhallen erst langsam die Qualen aus der und in der Vergangenheit. Die Glocken des Nichtvergessens läuten. Beim Blick in den Spiegel sind jedoch für Allezeit die Narben sichtbar, die Ballade ´A Thousand Scars´ zeichnet die Wundmale nach. Das Monster schläft, die Wunden scheinbar verheilt.

Mit ´In The Lines´ wandert Eric Clayton geradewegs auf den Spuren von Leonard Cohen, die Klavier-Ballade ´Chasing Monsters´ auf denen von Meat Loaf. Dagegen setzt ´The Greatest Of These´ für alle Verlorenen und Gebrochenen, und für das Aufspüren neuen Mutes den klitzekleinen Hoffnungsschimmer: Liebe ist das Licht, weist immer den Weg zu Glaube, Liebe, Hoffnung. Alles geschehe in Liebe! [6].

Das Leben hat Eric Clayton unzählige Narben hinterlassen. Augenscheinlich zeichnen viele Narben nicht nur seinen Körper. Kein Wunder, dass seine Kompositionen von Schmerz, überwundener Wut und durchlebtem Wahn gezeichnet sind. Eine überbordende Dramatik manifestiert eine beklommene, erdrückende Stimmung.

An den Narben seiner Folter erkannten die Jünger einst Jesus nach seiner Auferstehung [7] und an jeder einzelnen Narbe erkennen wir die Überbleibsel einer geheilten Wunde. Auf Seele und Körper hinterlassen Wunden ihre Narben. Derer hat Eric Clayton viele zu verzeichnen. Die abebbenden Leiden des jungen Eric Clayton sind aus jeder Pore von ´A Thousand Scars´ hör- und spürbar.

(10 Punkte)


[1] Markusevangelium 9,24 und zugleich Jahreslosung der Ökumene für Bibellesen 2020.
[2] Alles an dir ist schön, meine Freundin, und kein Makel ist an dir; Hoheslied 4,7.
[3] Dann wurde Jesus von dem Geist in die Wüste hinaufgeführt, um von dem Teufel versucht zu werden; Matthäus 4, 1-11.
[4] Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Größte aber von diesen ist die Liebe; 1.Korinther 13, 13.
[5] Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren; Matthäus 5,7.
[6] Alles bei euch geschehe in Liebe! 1.Korinther 16,14.
[7] Und als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen; Johannes 20,20.


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