Bands der StundeMeilensteine

SAGA: A beginner’s guide through Uncle Alberts eyes – CHAPTER V

~ ´Only Time Will Tell´ – Die Jahre der Identitätssuche und schwierigen Entscheidungen ~

Mit Vollgas in Richtung 90er. Was für eine neue, aufstrebende Musikgeneration einen Kreativitätsschub durch das Experimentieren mit verschiedenen Stilrichtungen bedeutete und zu den ersten „Crossover“-Alben führen sollte, brachte so manches altgediente Schiff ins Wanken. Viele Versuche, der einst erfolgreichen, alten 70iger Dampfer, mit neuen Sounds und Airplay-tauglichen Songs erneut Fuß in den sich wechselnden Zeiten zu fassen, waren gescheitert oder würden trotz aller Klasse von den Fans erst Jahrzehnte später verstanden und akzeptiert, ja manchmal auch posthum endlich geliebt werden.

Doch nun hält die Zeitmaschine erst mal im Jahr, als Willy zurücktrat, Ronny werbewirksam vor dem Brandenburger Tor „tear down this wall“ erbat, Helmut – dessen Neujahrsansprache vom Vorjahr so toll oder die neue so mies war, dass die ARD sie noch einmal ausstrahlte – in Bonn erstmals von Erich besucht wurde, dessen Big Brother Michail derweil eine Zukunftsvision unter dem Namen „Perestroika“ zum späteren Leidwesen vieler diktatorischen Republikaner vorstellte und mit Ronny einen Vertrag unterzeichnete, ein letzter Häftling in Spandau namens Rudi sich selbst richtete, Uwe vor seinem letzten Bad den Björn bespitzeln ließ und Mathias mit einer Cessna auf dem Roten Platz landete…große Träume und wilde Zeiten…

1987 – Wildest Dreams

Zwei Jahre nach dem letzten, großen Streich (zumindest für uns Fans) sollten die „wilden Träume“ für viele zu einem wahren Albtraum werden und musikalische Hoffnungen zerplatzen lassen. Die Band hatte trotz guter Chartplazierungen einen zu großen Tross an Geldfressern im Hintergrund und baute Personal ab…leider das wichtige Personal statt den Businesshaien und Zecken im Hintergrund. Nun kam also nach der Trennung von zwei tragenden Säulen der Band für die Fans der härteste Brocken zum Schlucken. Jim Gilmour als auch Steve Negus mussten das Schiff verlassen, welches einen gefährlichen Radio-und Chartkurs steuern wollte. Immerhin ließ man auf dem Drumhocker nichts anbrennen und verpflichtete mit Studiodrummer Curt Cress (u.a. FALCO und PASSPORT) eine legendäre Maschine, der den stark poppig angehauchten Stücken wenigstens eine solide Basis bereitete.

Also, frisch mit neuem Enthusiasmus ans Werk – 33 Jahre später aufgelegt und…GEHT DOCH! Man hat nun zu Hause endlich die Hardware, auf der dieses Material so klingt, wie es damals gedacht war. ´Don’t Put Out The Fire´ kommt als AOR-Track mit zeitgemäßen Sounds rüber und macht als Opener Laune (dabei hatten QUEEN bereits fünf Jahr zuvor gesagt: ´Put Out The Fire´ – Anm. d. Red.), während ´Only Time Will Tell´ eigentlich genau das ist, mit dem andere wie zum Beispiel Rick Springfield oder Nick Kershaw (als Rockversion) Hits gemacht haben (doch den Titelnamen hatten ebenfalls fünf Jahre vorher ASIA schon im Gepäck – Anm. d. Red.). Dies sollte SAGA aber auf höherer Ebene verwehrt bleiben, besonders in den scharf anvisierten USA, die Lyrics kann man gerne mal auf die alten Fans beziehen:

Whatever happened to the friends we had
Just a dusty picture on the self
We had a troubles but the time we had
It is feeling when I’m by myself
And when I get it I get it back
I keep waking up for something new
Am I losing you
Only time will tell

Das kommerzielle Mitsingpotential “Ooh-ooh-ooh” beinhaltete auch der Titeltrack, dazu gesellte sich natürlich Ian Crichtons einzigartiges Gitarrenspiel und die treibenden Cress’schen Drums…schon wieder zu anspruchsvoll für den Radiohörer? Eigentlich wunderschöne Gesangslinien, starker E-Bass und tolle, atmosphärische Keyboardsounds – woran hing es nur? Am Namen, den der gemeine Pophörer als zu progressiv abgeschrieben hatte?

Ein wunderschöner AOR-Titel ist bis heute auch ´Chase The Wind´, aber speziell der Refrain war natürlich damals für die Fans – mich leider eingeschlossen – absolut kein SAGA mehr. ´We’ve Been Here Before´ empfand ich damals schon als einen Höhepunkt des Albums und das positive, flotte ´The Way Of The World´ gewinnt über die Jahre immer mehr an Wert mit seinem ´Over The Hills And Far Away´-Drive und diesen starken Zwischenparts, die man eigentlich im Nachhinein in fast jedem Song des Albums finden kann.

Der unausweichliche Schmachtfetzen des Albums ´Angel´ (Alle Songs der Historie mit diesem Titel aufzuführen, wäre zu müßig – Anm. d. Red.) kann heutzutage im Alter ebenfalls weitaus besser gefallen als damals, mittlerweile ist vieles von damals Gold im Vergleich zu der Grütze, mit der gerade Geld gescheffelt wird. Mit ´Don’t Look Down´ verabschieden sich SAGA erstmal mit einem Klopper, der auch dazu dient, dass sich jeder Musiker nochmal richtig austoben kann. Der wohl typischste SAGA-Track auf einem Album, das ohne den Fluch des eigenen Namens ein zeitlos geiles AOR-Album darstellt, mit dem eine unbekannte Gruppe auf Festivals wie dem H.E.A.T. live locker abräumen könnte.

1994 – Steel Umbrellas

Let’s do the Timewarp again. Was in den Jahren dazwischen passierte, könnt ihr in Chapter VI lesen, wir starten zappelig durch in bester LEVEL 42-meets-SAGA-Manier: ´Why Not?´. Auch wenn analog zur Musik das Booklet irgendwie vermuten ließ, dass nun das lockere Leben, Entspannung und die Leichtigkeit des Seins zelebriert wurden, sollte dieses Album jede Menge Arbeit für die Katz bedeuten. Nachdem man zwei sehr hochwertige Alben aus dem kreativen Ärmel gezaubert hatte und Jim Gilmour und Steve Negus seit ´Security Of Illusion´ wieder an Bord waren, befand sich die Band nicht etwa in einer locker-flockigen Urlaubsstimmung, als sie mit Titeln wie ´(You Were) Never Alone´, dem von Jim Gilmour gesanglich geschüttelten ´Shake That Tree´ sehr entspannt, als auch mit der Nik Kershaw-artigen ´Bet On This´ oder ´Password Pirate/Access Code/Password…´ im Pete Townshend ´Face The Face´-Tempo pop-experimentell an’s Werk ging. Ursprünglich wollte man die Chance nutzen, den Soundtrack zu einer TV Serie namens „Cobra“ mit kurzen, leichten, kommerziellen Stücken zu liefern, doch dummerweise floppte die Serie und hinterließ den verdutzten Fans ein Album, auf dem SAGA stand statt ´O.S.T.´.

Zweifellos alles sehr interessant, jedoch für den teilweise wiederversöhnten Ur-Fan mindestens so gewöhnungsbedürftig wie die ´Wildest Dreams´. Wer sich allerdings mit rosaroter Sonnenbrille auf die Strandliege platziert und per Kopfhörer die Sonne dieser Scheibe auf sich wirken lässt, bekommt eine Autofahr-Sommerplatte, die nicht nur in den Fahrzeugen der Familie Lessmeister funktioniert. Zwei zuckersüße, leckere Eis gibt’s kostenlos dazu in Form der von jeweils einem Sänger intonierten Balladen ´Say Goodbye To Hollywood´ (Jim) und ´I Walk With You´ (Michael), welches live später noch zu Ehren kommen sollte.

Danach teilte sich – wie später auf ´House Of Cards´ (siehe Chapter VII) – die Spreu vom Weizen, sprich „Polydor“-Europa bekam das flotte ´Push It´, auf dem „Bonair“-Release fand man ´(Walking On) Thin Ice´. Der groovende ´Steamroller´ hätte auch Peter Gabriel gut zu Geschichte gestanden, ist nun aber wirklich einer der untypischsten SAGA Songs ever. So wie die ´Steel Umbrellas´ anfingen, neigten sie sich auch dem Ende zu: ´Feed The Fire´ kokettierte wieder mit LEVEL 42 und hinterließ zumindest damals einen fassungslosen Jünger. Auch mit meiner Alterssanftmut kann ich diese Scheibe zwar selbst genießen, aber nur den ganz hartnäckigen SAGA-Fans empfehlen…oder eben sophisticated Pop Freaks, die mit den Kanadiern sonst nichts anfangen können…oder Thrash-Fans, die diese ominöse „Cobra“-Serie lieben. Wer weiss, wenn’s ein Strassenfeger geworden wäre, hätte man SAGA in einem Atemzug nennen können mit Jan Hammer und „Miami Vice“. Aber ihr wisst ja: Fahrradkette.

1997 – Pleasure & The Pain

Oh, weh – waren die von der Plattenfirma festgelegten Mülleimer anstatt der als zu gewagt empfundenen, gepiercten Frauenzunge im CD-Tray auf dem Cover schon ein tragischer Hinweis auf die Ideen-Resteverwertung unter dem Zwang, noch ein Album für „Polydor“ machen zu müssen, bevor man bei „Steamhammer“ ein hammermässiges Comeback zu alten Werten startete (siehe Chapter VII)?

Eine Reminiszenz an das vorangegangene, ureigene ´The Wall´-Style Meisterwerk ´Generation 13´ (siehe Chapter VI) läutet das Album ein. Ein rockiger Opener, der absolut auf dem fantastischen Vorgänger hätte vertreten sein können, verspricht hard rockende Power und weist im Nachhinein textlich leider schon auf ein wackelndes Fundament der eigenen Identität oder Schatten im Hintergrund des Showbiz hin:

I wanna know just who I am
And where I stand and who will hold
My hand if once again I find my life in disarray.
Don’t wanna know about the final solution
I’m in no hurry to find it out
What comes next.
Heaven can wait.

Das gleiche Feeling vermittelt auch der fast aggressive „leckt-uns-am-Arsch“-Titel ´How Do You Feel´. ´Welcome To The Zoo´ mit seinen verfremdeten Vocals und seinem einfachen, fast uninspirierten Beat ist wohl eine der unspektakulärsten Nummern, die SAGA bis dato je aus dem Ärmel geschüttelt hatten. Vielleicht tat der simple Rocker der Band einfach nur gut, mir damals jedenfalls absolut nicht, ebenso wenig wie zwei Nummern später das BEATLES-/ George Harrison-Cover ´Taxman´. Aber zuvor nahm das Schicksal seinen Lauf mit dem Dancefloor-Rausschmeißer ´Where’s My Money ?´, einer trotzigen Sampling-Nummer, die den Frust der kommerziellen Erfolglosigkeit ausdrückte, der im Hintergrund möglicherweise gebrodelt hatte und der – wie auch ´Gonna Give It To Ya´ (welches an sich wenigstens ein echt gutes SAGA-Stück in beschissenem Sound und Dancefloorverkleidung war) – in Unison mit einem gewissen „Stretch“ hingewurstelt wurde, den ich noch nicht einmal googeln mag.

Spaß kam da nur durch die Bandfotos auf der Reissue zustande, die wohl von glücklicheren Zeiten zeugten. Gottseidank musste Steve Negus dieses Experiment nicht verantworten, sondern überließ den Drumhocker zum ersten und letzten Mal Glen Sobel. Egal, was dahintersteckte, ob SAGA von dieser „Stilkorrektur“ wirklich überzeugt waren oder gegen wen das gerichtet war – es traf den Fan mitten auf die Zwölf…Ein musikalischer Faustschlag ins Gesicht derer, die Besseres verdient hätten. Ehrlicher wäre gewesen, einen Sticker auf’s Album zu kleben, auf dem in großen Lettern steht: „Don’t buy this album if you like original SAGA“. Inmitten der vielen „Pain“ dieses Machwerkes befindet sich eine Hardrock-Version eines ihrer größten Hits ´You’re Not Alone ’97´. Demontage Galore. Da will auch die PINK FLOYD Gedenk-Kuh vom Backcover lieber den Weg zur Schlachtbank antreten…

Weder Fisch- noch Fleischessern schmeckte der nächste Industrial-Boogie-Rocker ´You Were Made For Me´, welcher definitiv auch nicht für SAGA-Jünger gemacht war. Ich wollte, ich könnte langsam mal was Gutes außer den ersten beiden Songs anpreisen statt -prangern, aber auch 23 Jahre später wird das unbequemste Album der Bandgeschichte weiterhin nur was für die Vollständigkeit der Discografie, noch weitaus tolerantere Zeitgenossen als mich (und das wäre ’ne harte Nuss – wer mich kennt) oder SAGA-Hasser bleiben. ´Fantastically Wrong´ trifft wenigstens den Nagel für zwei Drittel dieses Tiefpunktes künstlerischen Schaffens auf den Kopf – untight holprig zusammengekloppter Rebellensong mit paar guten Ideen und Soli, denn komplett kann und will die Band trotz allem nicht vergessen, dass sie tief im Herzen exzellente Musiker sind. Also kurzes Show-Off, bevor der Titeltrack ´Pleasure & The Pain´ nach einem verzweifelten “I did it my way” in den niederen Höhepunkt einer tragischen Neuinterpretation vom sentimentalen Schlusspart des Klassikers ´ No Stranger (Chapter Eight)´ mündet:

As the years come around
With our triumphs and downs
We were there for the pleasure and the pain
Not in our wildest dreams
Did we know that we’d sing
Twenty summers of songs that stage
There’s no one to blame
We put ourselves on the frame
That’s just part of the pleasure and pain
We’re not tired of the game
We just dropped on to play
And you are no stranger, today
I see a bright sky, no rain
And as time seems to fade
It’s all been a pleasure, no pain.