ME(N)TAL HEALTHPlattenkritikenPressfrisch

DYNFARI – The Four Doors Of The Mind

~ 2017 (code666 / SPV) – Stil: Post-Rock ~


Tilburg, Poppodium 013, Green Room, um 15:00 Uhr am 18.04.2020 – das war bis vor kurzem der „place to be“ für Freunde typisch isländischer, schmerzensschwerer Intensität, Düsternis und Atmosphäre. 50 Minuten lang den Kopf komplett abgeben an die Musik, versinken, schweben, mitleiden, getröstet und gehalten werden von der Komplettaufführung eines Konzeptalbums, das in seiner Vollkommenheit aus der Diskographie von DYNFARI heraussticht wie ein Leuchtfeuer aus einer nebligen, nächtlichen schroffen Steilküste hinter tosenden Wogen des Atlantiks, so war der Plan – bis Covid-19 den Weltenlauf mal kurz anhielt. Roadburn 2020 wurde, wie so viele Festivals, nun auf das Folgejahr verlegt, und wir können nur hoffen, dass 2021 beide Auftritte der Nordmänner wie geplant stattfinden werden (als zweites sollten DYNFARI ihr aktuelles Album ´Myrkurs er þörf´ in Gänze aufführen).

Doch um den Roadburn-Funken am Brennen zu halten, aber auch um allen das Herz etwas leichter zu machen, die vor allem seelisch unter der ersten echten Pandemie unserer Zeit und all ihren Folgen leiden, soll daher an diese Platte zum Thema Schmerz und seiner Bewältigung durch Dissoziation erinnert werden, die sich wie wenig andere dieses Genres für eine beruhigende, zentrierende Meditation eignet. Und damit wäre dann auch gleichzeitig für eine tiefe Atmung gesorgt, die ebenso wichtig ist in diesen verwirrenden Wochen und Monaten. Kommt also mit auf eine spirituelle Reise durch die vier Tore des Geistes!

 

 

Nach sieben Jahren und drei Alben als Duo, bestehend aus Jóhann Örn (Vocals, Guitars, Accordion, Bouzouki) und Jón Emil (Percussion, Guitars, Flute), legte vor ziemlich genau drei Jahren die mit Hjálmar Gylfason am Bass und Bragi Knútsson an einer weiteren Gitarre nun zum Quartett angewachsene Band ihr viertes Album vor, das musikalisch nahtlos an die eher ruhige, zwischen Folkeinflüssen und ALCESTscher Blackgaze-Stimmung, magischen Akustikpassagen und geblasteten, vielschichtigen Tremoloriffwänden pendelnde Titeltrilogie des Vorgängers ´Vegferð tímans´ anschließt: lange Songs, die wie Ebbe und Flut zwischen Melodie und Rhythmus hin- und herschwingen, anschwellen, sich steigern, kulminieren und wieder vergehen, und damit in sich geschlossene Einheiten bilden, die trotzdem unter ein thematisches Dach passen.

Das ist auch diesmal so, und wird noch deutlich stringenter durchgezogen, denn ´The Four Doors Of The Mind´ ist, wie bereits erwähnt, ein Werk, das sich fokussiert damit auseinandersetzt, wie der menschliche Geist Schmerz verarbeitet. Und dass es sich hier um reelle, selbst durchlittene Schmerzen handelt, macht nicht nur die tiefgehende Intensität des Albums deutlich – Jóhann Örns eigene Autoimmunerkrankung gab den Ausschlag zur Wahl des Themas, das mit Texten zum einen von Fantasy-Autor Patrick Rothfuss, aus dessen ´The Name Of The Wind´ die Vorstellung des Prinzips der vier Tore übernommen wird, sowie dem existentialistischen isländischen Dramatiker Jóhann Sigurjónsson illustriert wird. Und gleichzeitig eine Ode an die heilsame Kraft der Musik ist – damit eine perfekte Platte für unsere aktuellen, wilden Zeiten. Sucht euch also einen ruhigen Platz, entzündet etwas Räucherwerk, und schliesst die Augen….

 

Wie eine geführte Meditation beginnt unsere Reise durch das Unterbewusste mit sanft gesprochenen Worten:

“Perhaps the greatest faculty our minds possess is the ability to cope with pain. Classic thinking teaches us of the four doors of the mind, which everyone moves through according to their need.

First is the door of sleep. Sleep offers us a retreat from the world and all its pain. Sleep marks passing time, giving us distance from the things that have hurt us. When a person is wounded they will often fall unconscious. Similarly, someone who hears traumatic news will often swoon or faint. This is the mind’s way of protecting itself from pain by stepping through the first door.”

 

´1st Door: Sleep´ beginnt fast zart und halbakustisch, um plötzlich in schwarzmetallisch-verzweifelter Explosion auszubrechen, der Schmerz wird durchlebt und herausgebrüllt, -gedroschen und gehämmert, bis der Schlaf übernimmt, flüsternd seinen Trost anbietet und in sein Reich der kurzfristigen, doch vollkommenen Erlösung lockt. Wie DYNFARI das sich komplett diesem rätselhaften Zustand jenseits wachen Bewusstseins Anvertrauen ausdrücken, ist hohe Kunst: zuerst langsame Dreivierteltakte, später komplexe, traumartige, ständig wiederholte Rhythmen schaukeln uns in Morpheus Arme, ohne jemals die dahinter stehende Verzweiflung vergessen zu machen, die uns bis in den unruhigen, doch stets gedämpften Traum verfolgt.

´Sorgarefni segi eg flér´ nimmt sich in der Folge des Themas Trauer an, beginnt schroff, um sich dann zu einem folkrockenden, mit grossen Spannungsbögen und Dynamiken spielenden Opus zu entwickeln, wie es ähnlich auch in der mittleren Schaffensperiode der Landsleute von SÓLSTAFIR hätte entstehen können. Wieder wird deutlich, wie gut der Schlaf alle Eindrücke dämpfen, uns Belastung und Sorgen abnehmen, und uns damit wieder ins Gleichgewicht bringen kann, um danach mit mehr innerer Distanz, erholt und mit neuer Kraft ins Leben zurückzukehren.

Second is the door of forgetting. Some wounds are too deep to heal, or too deep to heal quickly. In addition, many memories are simply painful, and there is no healing to be done. The saying ‚time heals all wounds‘ is false. Time heals most wounds. The rest are hidden behind this door.”

Mit der ´2nd Door: Forgetting´ schlägt die Stimmung um: es ist unheimlich, doch sehr wichtig, dass das menschliche Bewusstsein in der Lage ist, zu schmerzhafte Erfahrungen abzuspalten und im Vergessen zu verbergen. Hier bauen die Gitarren eine massiv-repetitive, dunkel schimmernde, vielschichtig flirrende Riffwand auf, die mit ihrer einlullenden Ästhetik komplett davon ablenkt, was sich hinter ihr verbirgt. ´Sorg´, ein zumeist behutsam-akustisch und mit Flötenbegleitung vertontes Gedicht Jóhann Sigurjónssons, führt im Anschluss noch tiefer hinein in die Abspaltung traumatischer Erlebnisse durch Vergessen.

 

Sorg

Vei, vei, yfir hinni föllnu borg!
Hvar eru þín stræti,
þínir turnar,
og ljóshafið, yndi næturinnar?

Eins og kórall í djúpum sjó
varst þú undir bláum himninum,
eins og sylgja úr drifnu silfri
hvíldir þú á brjóstum jarðarinnar.

Vei, vei!
Í dimmum brunnum vaka eitursnákar,
og nóttin aumkvast yfir þínum rústum.

Jóreykur lífsins þyrlast til himna,
menn í aktygjum,
vitstola konur í gylltum kerrum.
– Gefið mér salt að eta, svo tungan skorpni í
mínum munni
og minn harmur þagni.

 Á hvítum hestum hleyptum við upp á bláan
himinbogann
og lékum að gylltum knöttum;
við héngum í faxi myrkursins,
þegar það steyptist í gegnum undirdjúpin;
eins og tunglsgeislar sváfum við á bylgjum
hafsins.

Hvar eru þau fjöll, sem hrynja yfir mína sorg,
hálsar, sem skýla minni nekt með dufti?
Í svartnætti eilífðarinnar flýgur rauður dreki
og spýr eitri.
Sól eftir sól hrynja í dropatali
og fæða nýtt líf og nýja sorg.

(Jóhann Sigurjónsson
1880 – 1919)

 

Third is the door of madness. There are times when the mind is dealt such a blow it hides itself in insanity. While this may not seem beneficial, it is. There are times when reality is nothing but pain, and to escape that pain the mind must leave reality behind.”

Wenn auch Vergessen nicht mehr hilft, weil die furchtbaren Eindrücke wirklich zuviel und absolut unerträglich werden, kann die Seele schliesslich zum eigenen Schutz das dritte Tor zum Wahnsinn durchschreiten, und die reelle Umgebung tatsächlich mit einer anderen, besseren, komplett inneren Welt austauschen. ´3rd Door: Madness´ begleitet diesen sehr weitreichenden, aber oftmals unvermeidlichen Schritt mit kraftvollen, ermutigenden Riffs und fast fröhlichen, verspielten Gitarrenlinien, die uns an die Hand nehmen und wie in die sorglose Zeit der Kindheit zurückführen, als uns Schmerz noch fast völlig unbekannt war. In diesem Zustand ist alles Bedrohliche und Quälende komplett ausgeblendet und durch sonnige Hoffnung ersetzt. Das zweite vertonte Gedicht von Sigurjónsson, ´Bikarinn´, schliesst nahtlos hieran an, und beschreibt diesen Zwischenzustand, der nicht mehr Leben, aber auch noch nicht Tod ist.

 

Bikarinn

Einn sit ég yfir drykkju
aftaninn vetrarlangan,
ilmar af gullnu glasi
gamalla blóma angan.

Gleði, sem löngu er liðin,
lifnar í sálu minni.
Sorg sem var gleymd og grafin,
grætur í annað sinni.

Bak við mig bíður dauðinn,
ber hann hendi styrkri
hyldjúpan næturhimin
helltan fullan af myrkri.

 

Extrem viel Sehnsucht, aber auch Resignation steckt hierin, von melancholischer Gitarre und Harmonium begleitet, das schliesslich zur letzten Tür hinführt. Und diese hat es in sich! Abschliessend wie ein Monolith steht sie da, und fasst, ähnlich den letzten Momenten vor dem Tod, die gesamte von uns gerade durchlebte Reise noch einmal zusammen, nimmt Motive und Melodien wieder auf, beleuchtet sie nochmals wiederholend von verschiedenen Seiten, fast eine Viertelstunde lang.

Last is the door of death. The final resort. Nothing can hurt us after we are dead, or so we have been told.”

Die ersten Schritte auf das Unumkehrbare hin sind daher auch sehr zögernd, unsicher, zweigespalten, auch warnend. Die endgültige Entscheidung muss selbst getroffen werden, kann einem niemand abnehmen. Lange verharrt der Protagonist davor, jedoch, einmal beschlossen, kommt es zu einem schieren Ausbruch von Post-Black Metal-Riffs voller Kraft und Sicherheit, und schliesslich auch kristallin strahlender Schönheit, wechselt dann in eine friedvolle Ruhe, um zum Abschluss alle Emotionen nochmals in voller Grösse aufstrahlen zu lassen in leuchtenden, prächtigen Soundwänden, bis schliesslich eine einzelne, zerbrechliche Gitarre, im Hall versinkend, noch einmal, so ernst wie zuversichtlich, das Thema endgültig beendet.
Und das war’s. Es ist vorbei. Die Gänsehaut bleibt jedoch noch eine ganze Weile…

Zeit, sich zu strecken und räkeln, die Augen zu öffnen und langsam zurückzukehren in die Realität um uns herum. Dankbar, und erstaunlich erfrischt.

 

DYNFARI schaffen es mit ihrer einzigartigen Melange aus mäandrierendem Post Rock-Anspruch, die tief verwurzelt ist in Black Metal-Atmosphäre und mit exotischen Instrumenten wie Flöte, Bouzuki und Harmonium sowie meist lautmalerischem Gesang hinein in die progressiven, ja Avant Garde-Genres erweitert wird, uns gleichzeitig zu hypnotisieren wie zur eigenen Sicht der Dinge zu ermutigen. Musikalisch werden sich hier Freunde von Bands wie ihren Landsleuten AUÐN, aber auch mittleren OPETH und natürlich Black Metal-Avantgardisten wie ULVER, DRUDKH oder AGALLOCH wiederfinden.

Und so verkopft sich diese Erfahrung möglicherweise lesen mag – dieses Album ist ganz fest geerdet und verwurzelt in uraltem Wissen, doch seine Sanftheit und Zärtlichkeit haben gleichzeitig genauso viel Prophetisches an sich, womit die „Vier Türen des Geistes“ schon wie Tore in ein neues Zeitalter anmuten. Sie zu durchschreiten kostet Mut, wird aber vielfach belohnt werden.

 

http://www.facebook.com/Dynfari

https://dynfari.bandcamp.com/