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OZZY OSBOURNE – Ordinary Man

~ 2020 (Epic Records) – Stil: Heavy Metal ~


Zehn Jahre lang mussten die Anhänger von Ozzy Osbourne auf ein neues Studioalbum warten. Die längste Periode zwischen zwei Solo-Veröffentlichungen des Sängers überhaupt. Gleichwohl erfolgte in der Zwischenzeit die umjubelte Wiedervereinigung mit Tony Iommi und Geezer Butler unter dem Banner BLACK SABBATH, ein Album und eine Farewell-Tournee. Als kurz vor Veröffentlichung der brandneuen Solo-Scheibe die Freude besonders groß war, verbreitete sich die Hiobsbotschaft, dass der 71-jährige an Parkinson leidet. Nun muss dem Godfather of Heavy Metal die gesamte Liebe seiner Reality-TV-gestählten Familie zuteilwerden.

Das ´Ordinary Man´ betitelte Werk wurde letztlich in Windeseile fertiggestellt. Ozzy benötigte für seinen Beitrag im Studio anscheinend keine drei Wochen und fühlte sich an den Aufnahmeprozess der ersten Scheibe von BLACK SABBATH erinnert. Unterdessen umgab er sich mit einer ungewöhnlichen Mannschaft. Der US-amerikanische Musiker, Gitarrist, Sänger und Produzent Andrew Watt hat das Album nicht nur produziert, sondern auch die Gitarren eingespielt. Die Hoffnungen, Geniestreiche auf der Gitarre á la Randy Rhoads oder Jake E. Lee zu hören, sind allerdings bereits vor Dekaden zerplatzt, da Ozzy Osbourne keine jungen Gitarrenhelden mehr als Sidekick sucht. Den Bass spielte Duff MacKagan (GUNS N‘ ROSES), das kraftvolle Schlagzeug Chad Smith (RED HOT CHILI PEPPERS) ein. Die Listening-Party fand zufällig am 50. Jahrestag der Veröffentlichung von BLACK SABBATHs Debüt statt.

Malen wir für den Prince of Darkness keinen Teufel an die Wand und wünschen ihm weiterhin ein langes und gesundes Leben, wenngleich viele Textzeilen auf ´Ordinary Man´ wie Abschiedsworte klingen. So bittet Ozzy auf ´Goodbye´ für sein wechselhaftes Leben um Verzeihung, ebenso, dass er sich nicht verabschiedet hat und in der Hölle schmoren wird. Als nichtssagender Mann wollte er zumindest nicht sterben und thematisiert im Titelsong, warum er überhaupt noch lebt. In ´Under The Graveyard´ sieht er sein Lebenslicht schwinden und singt schließlich in ´Holy For Tonight´ über seinen finalen Abschied und seine letzte, heilige Nacht. Wahrscheinlich ist es nur Ozzys typischer Humor, dennoch sollte er mit diesem Alterswerk nicht in die schweren Fußstapfen von David Bowie und Leonard Cohen treten, die zwei bzw. siebzehn Tage nach dem Erscheinen ihres Albums verstarben.

Ozzy Osbourne trägt mit ´Ordinary Man´ zweifelsfrei den Sound von BLACK SABBATH in das neue Jahrtausend. Doch wie die Metal-Ikone gesanglich in Form ist, dürfte – neben der Qualität seiner jüngsten Kompositionen – die brennendste aller Fragen sein. „Ah-ah, ah-ah“, singt zuerst ein Chor, Ozzy steigt indessen bald mit seinem geliebten „Alright now“ ein. Also, alles gut.

 

 

Als Opener geht die zweite Single ´Straight To Hell´ ins Rennen. Das Rhythmus-Bollwerk weckt hier äußerst heavy erste Anklänge aus der Richtung von BLACK SABBATH, mehr als in klassischer Ozzy Osbourne-Manier. Drogengenuss und Todesängste treten dabei aus der Dunkelheit ans Licht. Die Background-Gesänge wandern gar im Pomp Rock. Gitarrero Slash (GUNS N‘ ROSES) krönt die Komposition, ebenso wie den Titelsong, mit einem Gast-Auftritt. ´Goodbye´ schlürft dagegen einfach im Midtempo-Groove, bricht andererseits immer wieder mit solch einer Heavyness aus der Tristesse heraus, dass die QUEENS OF THE STONE AGE stolz wären, solche Eruptionen zelebrieren zu können. Die Songs klingen somit ohrengerecht für alle Generationen, die sich in der Nachfahrenschaft von BLACK SABBATH auf die Bühne begaben.

Klassischer als in der ersten Singleauskopplung ´Under The Graveyard´ wird es über die gesamte Distanz des Werkes nicht mehr werden, obwohl die Gitarren eher wie die von MUSE/PLACEBO klingen und das Solo einen WHITES STRIPES-Touch besitzt. ´All My Life´ ist ein schlichter Song mit echtem Hit-Appeal, der nur die Chance auf Dauerrotation bekommen muss, um für immer dort zu kreisen.

Die Klavier-Ballade mit BEATLES-Reminiszenzen nennt sich 2020 ´Ordinary Man´ und hat Elton John als Gast an den Tasten im Aufgebot. Zudem singt Sir John – gar nicht exaltiert – den zweiten Vers. Die gesamte Produktionscrew hat es geschafft, das Lied in die Nähe der großen Rock-Balladen, die etwa GUNS N‘ ROSES zu Weltruhm verhalfen, zu tragen. Und Slash darf diese dementsprechend veredeln. Eine weitere Ballade nennt sich ´Holy For Tonight´ und bewegt sich in der Nähe des Siebzigerjahre Glam Rock, oder einfach gesagt, eine Brian May-Gitarre trifft auf ´The Great Gig In The Sky´-Background-Gesang.

Den fetzigen Alternative Rocker gibt ´Scary Little Green Men´ über Außerirdische zum Besten, Tom Morello sein Gast-Solo, nachdem Ozzy bei einer Sendung über UFOs garantiert eingeschlafen ist. Das mit Mundharmonika beginnende ´Eat Me´ zeigt wirklich Ozzys schwarzen Humor. Für den Wahlkalifornier ist es wohl ein Genuss, im veganen US-Bundesstaat über das Fleischessen zu sinnieren und zwar im Hinblick auf die Vorliebe des Armin Meiwes, bekannt als der „Kannibale von Rotenburg“. Weniger musikalischer Modernität entsprechend ist ´Today Is The End´ ein Radio-kompatibler Rocker.

Dass Altrockern das Lachen im Gesicht erfriert, könnte am finalen Song ´It’s A Raid´ sowie dem Bonus-Track ´Take What You Want´ liegen. Beide sind in Zusammenarbeit mit dem US-amerikanischen R&B-Musiker und Produzenten Post Malone entstanden. ´Take What You Want´ erschien vormalig auf dessen Studioalbum ´Hollywood’s Bleeding´, einer Scheibe, die sich nach einem Monat als das „meistverkaufte Album 2019“ bezeichnen konnte. Der Rapper Travis Scott und Post Malone, schön mit Auto-Tune im Bild, zuzüglich Ozzy, sinnieren in dem Lied jeweils über herzensbrechende Beziehungen zu Mädchen. Trotz Ozzys Beteiligung daran ist der Song echtes Airplay-Futter für die Kids der Welt und – selbst als Bonus – auf einem Ozzy Osbourne-Album fehl am Platze.

´It’s A Raid´ tönt stattdessen wie BLACK SABBATH auf Punk getrimmt, schnell und wild, und kann darüber hinaus zufällige Ähnlichkeiten mit ´Speed Train´ der Kalifornier MOZART nicht verbergen. Die Hintergrundgeschichte ist weitaus spannender: Völlig umnebelt drückt Ozzy in ihrem Haus in Bel Air während der Aufnahmen zu SABBATHs ´Vol. 4´ auf einen Knopf, den er mit der Klimaanlage in Verbindung bringt. Tatsächlich stehen fünf Minuten später mehrere Streifenwagen vor der Haustür, indes die Jungs Koks und Gras auf dem Tisch liegen haben. Ozzy ruft „It´s a raiiiid“, rennt ins Badezimmer und schüttet das Zeug nicht in die Toilette, sondern samt Koks in sich hinein. Alles andere wäre Verschwendung. Die Polizei fährt infolge des Fehlalarms natürlich schnell wieder weg, Ozzy kann jedoch vier Tage lang nicht schlafen.

Für die weltweite Gefolgschaft von Ozzy Osbourne sind die schlaflosen Nächte Geschichte. ´Ordinary Man´ übertrifft seine Vorgänger mit zeitgemäßen Rock-Songs. Die Achtziger- und Neunzigerjahre sind endgültig vorbei, die Fledermaus flattert durchs neue Jahrtausend. Ozzy lebt.

(8 Punkte)


(VÖ: 21.2.2020)