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THE HU – The Gereg

~ 2019 (Eleven Seven Music Group) – Stil: Mongolian BigBusiness Country-Rockpop ~


Warnung! Das hier wird nicht witzig. Aber ich muss mir einfach mal etwas Luft verschaffen…

 

Allein schon dieser Name – ich muss mich schwer zusammenreissen, dass ich jetzt nicht zu arrogant werde. Aber THE HU, die ich zugegebenermassen vor Beginn ihres massiven internationalen Werbefeldzuges inklusive Empfang durch den Präsidenten der Mongolei anfänglich noch ganz interessant fand, triggern bei näherer Beschäftigung mit ihnen bei mir einen Punkt, an dem ich in letzter Zeit besonders empfindlich geworden bin:

Für mich stand der Begriff Metal immer für Musik, die aus dem Dreck, von der Strasse kommt, und daraus auch keinen Hehl macht, von und für extreme Aussenseiter, die ihr Ding durchziehen entgegen dem Mainstream-Geschmack oder eben dem „ich höre alles!“ der breiten Masse, von der Metal sich schon immer absetzte. Lange waren wir Metalfans geächtete Asoziale, die jedoch ALLES für ihre geliebte Musik gaben, und nun ist es auf einmal schick, mit Bandshirts aus dem Discounter für irre Eintrittspreise auf Open Airs mit fragwürdigem Lineup zu pilgern, da Heavy Metal in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Wenn ich mitkriege, wer aus meinem weiteren Bekanntenkreis sich auf einmal als Metalfan outet, und um welche Bands es da konkret geht, dann dreht sich mir gelinde gesagt der Magen um (und ich denke hier nicht nur an Beispiele wie die mittlerweile im absoluten Mainstream angelangten METALLICA…). Denn das macht aus meiner Lieblingsmusik etwas, was sie nicht ist – Futter für die breite, gelangweilte Masse. Ich gebe zu, das nimmt mir auch etwas weg von meinem elitären Dasein, aber ich sehe bei diesen Menschen eben auch nicht die Dedikation, die echte Metalfans auszeichnet. Das hier ist purer Konsum, kein Fantum. Fragt man nach dem Lieblingssong der ersten Platte der Band auf dem zu Markte getragenen Shirt, heisst es, dass man sich doch keine Titel merkt, sondern maximal Tracknummern…oh schöne alte Zeiten!

Dass mein Unmut nun gerade THE HU trifft, mag erstaunen, da ich vor kurzem ja gerade BLOODYWOOD hier abgefeiert habe, die genau wie die Mongolen dieses Jahr in Wacken aufgetreten sind und ebenfalls noch keine Tonträger draussen haben, sondern ihre Bekanntheit allein über youtube-Videos erreichten. So läuft das heute eben oft. Was die Inder jedoch musikalisch produzieren, kann tatsächlich unter dem Etikett „Metal“ bestehen, und genau da liegt hier der Hund begraben…

THE HU wurden „2016 in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, von vier Studenten des Staatskonservatoriums gegründet“. „Hu“ heisst in ihrer Sprache „Mensch“, der so vieldeutig klingende Name ist jedoch auch ein perfekter Marketinggag für eine völlig unbekannte Band, die ohne jegliche Veröffentlichung von einem Label wie E7M gesignt wird, wo Bands mit so unheilig klingenden Namen wie PAPA ROACH, FIVE FINGER DEATH PUNCH oder auch MÖTLEY CRÜE und IN FLAMES über Promobudgets in schwindelerregenden Höhen verfügen können. Kein Wunder, dass sich auch die Musikvideos der Asiaten ansehen wie die internationale Reklame für den neuesten SUV deutscher Bauart: Freiheit, wilde Weite, echter Männerschweiss. Yeah!

Und diese gut geölte Promotionmaschinerie hat die vier nicht nur auf eine ausverkaufte Europa- und demnächst 53-Dates-Nordamerika-Tour (zum Teil zusammen mit BABYMETAL), sondern bereits nach Wacken und zu Rock im Park/am Ring gebracht. Ein Album hatten sie nicht dabei, aber ihrem Shop nach zu urteilen ausreichend sortiertes Merch. So weit, so gut. Aber was hat das nun mit METAL zu tun?

„Ja die Musik, oder?“, werdet ihr fragen. Zu recht, sollte sie doch das Wichtigste hier auf den gelben Seiten sein. „Seit Jahren wartet die Rock- und Metalszene auf eine neue Idee, etwas wirklich Einzigartiges, eine kulturelle Inspiration – hier sind The Hu.“, sagt der Promotext. Nun, diese Inspiration stellt sich als Verquickung mongolischer Folklore auf entsprechenden Instrumenten und mit regionaltypischem Kehlkopfgesang und Rockelementen dar. Ahaaaaa, ja sowas gabs ja sogar schon mal! Aber sagt’s bitte nicht weiter, denn THE HU haben diesen Stilmix ja quasi als erste entdeckt, wie uns ihre Webseite erklärt.

Der arme Nature Ganganbaigal (R.I.P., du verlorene Seele!) wird im Grabe rotieren. TENGGER CAVALRY werden einigen Lesern schon etwas mehr sagen, auch wenn sie mit 75.000 Facebook-Followern (nach 15!!! LPs) niemals an die knapp 280.000 (vor der ersten Scheibe) von THE HU heranreichen konnten. Aber thrashiger MeloDeath ist halt auch nicht Jedermanns Sache…zum Glück!

Bei THE HU ist so etwas extremes wie Blastbeats oder Growlen nicht zu finden, denn letzterem entspricht ihrer Meinung nach ja der so exotische Kehlkopfgesang. Dazu Pferdekopfgeige und Maultrommel, alles zusammen hübsch eingängig abgestimmt auf die Hörgewohnheiten eines westlichen Breitenpublikums, und das Ganze heisst dann „Hunnu Rock“. Darin sind nach Angaben der Band auch „Einflüsse von Bands wie Metallica, Slipknot, Marilyn Manson, Tool, Apocalyptica, Sepultura oder Rammstein.“ zu finden. TOOL! Was für eine Frechheit! Mich schaudert. Aber noch mehr, wenn ich die Songs nochmal durchhören muss. Was beim Erstkontakt interessant klingt, entpuppt sich bald als Mixtur aus Asia-Pop wie im Chinarestaurant, gemischt mit kitschig-schlagerhafter Folklore (´Shireg Shireg´, ´The Song Of Women´). Sozusagen weichgespülte, mongolische TRUCK STOP. Okay, technisch ist das alles makellos, und produziert auf höchstem Niveau, manche Songs haben etwas mehr Reiz als andere (´The Great Chinggis Khaan´ hat interessante Rhythmik, ´Yuve Yuve Yu´ einen guten Bluegrass-Ansatz und interessanten Streichinstrument-Einsatz), aber in der Masse der LP klingt alles gleich, überzuckert, klischeeüberladen und schwülstig.
Trotzdem werden die vier Mongolen ihr Publikum finden, und zu Ruhm und Kohle kommen. Meinetwegen. Aber tut mir bitte einen Gefallen:

 

NENNT EUREN SCHEISS VERDAMMT NOCHMAL NICHT METAL!

 

(3 Punkte für die musikalischen Fähigkeiten, 1 Punkt für das Businesspaket – sucht’s euch aus)