Livehaftig

Hear ’Em All – 150 Heavy Metal Alben für die eiserne Insel

~ Lesung & Talk mit Sigrid Fahrer, Holger Adam und Ernie Fleetenkieker ~

~ 25. Januar 2019, Schlachthof Wiesbaden ~


Was macht der gewöhnliche Metaller an einem verschneiten Freitagabend im Januar? Er geht zu einer Lesung. Nicht.
Leider, denn das Kesselhaus des Schlachthof Wiesbaden war zwar ausreichend bestuhlt, doch die Reihen hätten noch wesentlich mehr Füllung vertragen können. Wer sich jedoch dorthin aufgemacht hatte, den erwartete ein höchst amüsanter Abend um das Thema, das uns doch alle ständig umtreibt: HEAVY METAL!!!

 

Und welches einmal wieder in Buchform zu pressen versucht wurde: ’HEAR ’EM ALL – 150 HEAVY-METAL-ALBEN FÜR DIE EISERNE INSEL’ heißt das Werk  von 80 „Fans, hochinteressierten Laien und komplett einseitig gebildeten Weirdos“ (Vorwort von Herausgeber Frank Schäfer). Es handelt sich also bei weitem nicht nur um „zertifizierte Kritiker“, die die Klassiker wie auch ihre persönlichen Geheimtipps zu einer Anthologie gebündelt haben, um dem mehr oder weniger ahnungslosen Fan unterstützend zur Seite zu stehen beim Versuch, die eigene Sammlung mit den ultimativ unverzichtbaren Platten des Genres zu vervollständigen. Gleichzeitig wollen sie die Leser dabei auch mit teilweise „steilen Thesen“ zur eigenen Geschmacksentwicklung konfrontieren. Eine wahrhaft große Aufgabe! Lässt sie sich bewältigen?

 

Aber heute soll ja erstmal vorgelesen werden. Gemütlich und mit norddeutschem Gerstensaft versorgt auf einem Sofa lümmelnd, begrüßen die beiden Autor/innen Sigrid Fahrer und Holger Adam, verstärkt durch very special guest Ernie Fleetenkieker (Ex-FÄULNIS, Krachmucker TV) das Metalvolk, und steigen nach kurzer Vorstellung des Buchprojekts auch sofort mit den wichtigen Fragen des Lebens ein: Wer war die erste Metalband? Was braucht es, damit eine Platte zu einem Klassiker wird? Sofort ist hier auch das Publikum gefragt, denn was ist mit all den Alben, welchen erst nach gewisser Zeit und bestimmten musikhistorischen Entwicklungen dieser Titel verliehen wurde? Und welche peinliche Scheibe, die alle Welt komplett zerreißt, gefällt Euch persönlich richtig gut? (Jetzt ratet mal, welche das bei mir ist…)

Der auftrittsgestählte Ernie übernimmt von Anfang an die Rolle des Moderators, der ständig in Interaktion mit den Zuhörern ist; die erste von ihm gelesene Rezension ist MERCYFUL FATE – ’Don’t Break The Oath’; und nun wird erstmal abgefragt, wer von den Anwesenden denn überhaupt King Diamond kennt – oder eben nicht.

Da so etwas auch altersabhängig sein kann, werden Altersklassen eingeteilt, kurz auf die Bedeutung der individuellen Biographie und Musiksozialisation eingegangen (Weltmeisterschaft im Themenpingpong ist hier kein Ausdruck, die Bälle fliegen mit Warpgeschwindigkeit von einem Sujet zum nächsten…), und schließlich wird nochmals nachgehört, wie die Rezeption des königlichen Falsettgesanges so ist, denn hier scheiden sich ja bekanntlich die Geister.

Der dazugehörige Text von Gregor Endhardt passt dann natürlich so perfekt wie die Faust in den Boxhandschuh, beginnt dieser doch folgendermaßen durchschlagend: „Auf die Frage nach dem besten Heavy-Metal-Album aller Zeiten gibt es verschiedene Antworten. Es gibt falsche Antworten („Number Of The Beast“), dumme Antworten („Painkiller“) und es gibt die wahre Antwort: „Don’t Break The Oath“…“. Schlussendlich lauschen wir auch einmal hinein, in die erste dieser über 150 Preziosen, und so wird es den ganzen Abend über auch weitergehen: Quatschen, Fragen, Trinken, Diskutieren, Lesen, Lachen, Hören…ich kann mir freudlosere Abendgestaltungen vorstellen.

 

 

 

 

Angesichts der SCORPIONS und ’Blackout’ werden wir kurz darüber aufgeklärt, dass das Cover ein Selbstbildnis Helnweins ist und nicht wie oft vermutet Rudolf Schenker darstellt, und dass die Scorps einen wichtigen Grundstein zu Ernies Metalkarriere gelegt haben. Daraus entwickelt sich die Frage, was denn nun eigentlich erforderlich und grundlegend sei beim Erstellen einer Liste? Und dann wird es nostalgisch, wir erinnern uns gemeinsam, wie man früher an neue Musik herankam und – was sich aus der Generation Z heute keiner mehr vorstellen kann – wie es war, vorm Radio auf bestimmte Songs zu warten um sie mitzuschneiden, oder was den besonderen Charme von VHS-Musikvideos oder Fernsehdokus ausmacht. Das ist es, was dem Abend ein so heimeliges Wohlgefühl gibt, hier vermischt sich die eigene Geschichte mit den erzählten, und kuschelt sich ganz eng an die im Buch präsentierten an, und jeder erkennt sich irgendwo wieder – psychologischer Auftrag erfüllt!

 

Es ist aber auch eine geballte Menge an Hintergrundwissen, dem wir uns hier in Gestalt der Drei auf dem Podium gegenübersehen, denn sie sind gleichzeitig Fans als auch Kulturschaffende und Autoren, und Ernie bringt locker die meiste Bühnenerfahrung und daher auch die grösste Klappe mit, auch wenn er sich selbst immer sorgt, dass er zuviel reden könnte (niemals!). In die Kontroverse über Authentizität vs Inszenierung steigt er dann auch gleich mal mit Sigrid ein, die mit BABYMETALs ’Metal Resistance’ den feministischen Aspekt beleuchtet und als bekennender Doro-Fan die Frage nach echten weiblichen Identifikationsfiguren im Metal aufbringt – die in einem martialische Männlichkeit verehrendem Genre eine immer noch viel zu kleine Rolle spielen. Und auch wenn die Buchverlosung erst deutlich später stattfand, thematisch muss ich als Autorin nun natürlich direkt zur „Lichtgestalt“ des Metal anschliessen, zur einzig möglichen Antwort auf die Frage, die eigentlich gar keine ist: was ist Konsens, auf wen können sich alle einigen als DEN Metaller an und für sich? Natürlich, es ist Lemmy, und als Sigrid Julie Miess’ MOTÖRHEAD – ’Inferno’ liest, muss wohl jeder im Saal schmunzeln, zu schön ist die Story der Popfeministin, die sich fürs Erinnerungsphoto entgegen innerer Überzeugung wie von ihm gewünscht auf dem Knie ihres Idols niederlässt…

 

 

 

Schon lange ist klar, dieser Kanon behandelt nicht die Konsensplatten, sondern die ganz persönlichen Favoriten, und doch kommt sie noch auf, die gefürchtetste aller Fragen: kann Kritik überhaupt objektiv sein? SUMMONING beantworten sie prophetisch, das letzte Album sei immer das schlechteste, da die Fans immer sagten „Das vorher war aber besser!“. Es geht locker und wohltuend improvisiert weiter, Holger schlägt noch drei Filme vor, die man einsetzen kann um einem komplett Metal-Unbedarften die beste Mucke der Welt näherzubringen: „Spinal Tap“, „Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“ sowie „Metallica: Some Kind Of Monster“, letztere werden inklusive ihres Schlagzeugers nochmal ordentlich gebasht, Ernie erzählt daraufhin ein paar Schoten von WATAINs verschimmeltem Schweineblut und den Shiteaters aus Schweden, und dann ist der Abend auch schon viel zu schnell zu Ende. Halt nein – sozusagen als vorgezogene Zugabe gibt es noch seinen ersten Metal Slam-Beitrag, und den Kopf schwirrend vor Eindrücken nehmen wir mit nach draussen in die frostige Nacht: „Andre Bands spielen, Manowar TÖTEN!“. Und genau so isses! 😉

 

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Hier gibt’s  die Termine der weiteren geplanten Lesungen im ganzen Bundesgebiet, jedes Mal liest ein anderes Autorenteam:

https://www.facebook.com/HEAR-EM-ALL-150-Metal-Platten-für-die-eiserne-Insel-324097665086449/

https://www.ventil-verlag.de/titel/1825/hear-em-all

Unsere Buchrezension folgt demnächst…

Und eine Krackmucker-Sendung zum Thema Listen und Kanons, die vieles umfasst, was heute Abend angerissen wurde,  findet Ihr hier: