PlattenkritikenPressfrisch

FARSOT / COLDWORLD – Toteninsel (Split)

~ 2018 (Lupus Lounge/Prophecy) – Stil: Progressive/Post-Black Metal ~


Spiegelglatt ruht die See bei der allerletzten Überfahrt. Erhaben ragen Zypressen, die Bäume der Trauer und der Ewigkeit, weit über die felsige Insel hinaus und beschatten die kühlen Grabkammern auf diesem Altar des Todes. Ein Nachen mit einem weiß verhüllten Sarg und einer ebenso gekleideten Gestalt wird von einem Fährmann im Mondlicht übergesetzt. Die erhabene, melancholische Stimmung nimmt gefangen, zieht den Blick hinein in den natürlichen Hafen, in dem alles endet.

Ein Gemälde mit einer bewegten Geschichte: Auftragsarbeit einer jungen Witwe an den Schweizer, die sich „ein Bild zum Träumen“ erbat, fünf sich deutlich unterscheidende Versionen, von denen eine im Besitz von Kaiser Wilhelm II. war, eine im Zweiten Weltkrieg in der Berliner Bankfiliale von Heinrich Baron Thyssen verbrannte und eine weitere einem gewissen Adolf Hitler zu Repräsentationszwecken diente. Das Zeugnis einer schweren depressiven Phase des von Krankheit und Alter gebeutelten Künstlers, der sich zunehmend mit dem Tod beschäftigt und ab der dritten Version die Grabkammer über der östlichen Klippe mit seinen Initialen versieht. Heute gilt das enorm populäre Bild, das zuerst „Die Gräberinsel“ hieß, als eines der Hauptwerke des Symbolismus, welches die morbide Atmosphäre des Fin de Siècle, den bevorstehenden kulturellen Verfall Europas illustrierte. Unzählige Künstler aus Literatur, Comic, Malerei (unter vielen anderen auch Salvador Dalí und HR Giger, sowie, natürlich mit einer parodistischen „Böcklins 6. Version“, Michael Sowa – siehe auch diese Sammlung: http://www.toteninsel.net/home.php ), Film und Musik versuchten sich in der Folgezeit an Neuinterpretationen dieses Themas. (Zuletzt ließen ATLANTEAN KODEX die Melancholie und Würde des Bildes 2010 auf ´The Golden Bough´ sprechen. `Die Toteninsel ´ als Artwork zu ihrem Meisterwerk – über Stärke, Triumph und Katharsis, aber auch zum Verlust der europäischen Zivilisationsideale – Anm. d Red.)

 

Arnold Böcklin, Die Toteninsel, 1880 (Urfassung). Öl auf Leinwand. 110,9 x 156,4 cm. Depositum der Gottfried Keller-Stiftung
Kunstmuseum Basel, Martin P. Bühler

 

Vor zehn Jahren lud das kleine amerikanische Label ’Vendlus Records’ einige bekannte Namen der Black Metal-Avantgarde wie BLUT AUS NORD, FEN, FOSCOR und eben auch FARSOT ein, ’Die Toteninsel’ als Tribut an Arnold Böcklins Werk zu vertonen, und damit, wie die Thüringer sagen, „eine verstärkte, intensivierte Wahrnehmung zu erzeugen – (das Bild) durch unsere Musik sprechen zu lassen“. Leider wurde dieses Projekt nie realisiert, und die meisten Gruppen gaben ihre fertigen Beiträge als Bonustracks oder zum Download frei. FARSOT jedoch zögerten, ihr eigenes Werk voller Herzblut ohne den würdigen Rahmen, der ihm zusteht, zu veröffentlichen. Nun ist es endlich soweit: sie stellen ihrem damals komponierten Stück (’Erde I’) ein ergänzendes Instrumental (’Erde II’) zur Seite und tun sich weiterhin mit ihrem Freund Gregor Börner aka COLDWORLD zusammen, der zwei weitere Hommagen an Böcklin beisteuert.

Das Ergebnis begeistert. Hier wie im Bild ein Spiel perfekter Symmetrie: wie sich die Toteninsel im Meer spiegelt, rahmen die zwei gesungenen Lieder zwei hoch atmosphärische Instrumentalstücke ein. COLDWORLD stellt dem von FARSOT behandelten Element Erde das Wasser wie Leib, wie Stein und Bein der Seele, dem Äther gegenüber, geht es hier doch um Gegensatz und Koexistenz gleichzeitig: das Leben kann nur durch und mit dem Tod funktionieren, Vergänglichkeit ist ein Teil der Unendlichkeit.

Den beiden FARSOT-Stücken merkt man die grosse zeitliche Distanz ihrer Entstehung an, was das Hören sehr spannend macht. ’Erde I’ entstand direkt nach dem Debüt ’IIII’, die Melancholie, ja Todessehnsucht überwiegt, thematisch wie musikalisch befinden wir uns an einer Schwelle, derjenigen vom Black Metal zum Post-Metal. Den charakteristischen, kehligen Klargesang, der heutige Werke auszeichnet gibt es noch nicht und auch der geflüsterte und geschrieene Text zeugt von einem inneren Kampf, der jedoch schliesslich wunderbar ausgeht und kongenial zum Bildsujet lautet:

„Gestrandet an einem Ort der Ruhe, der meine Einsamkeiten teilt,
empfängt mich nun in aller Stille das Ende meiner Qual…“

Das Gegenstück ’Erde II’ setzt dem Mysteriösen, Verstörenden der endlichen menschlichen Existenz sehr viel Positives, Hoffnungsvolles, ja eine Leichtigkeit entgegen, fast denkt man an Böcklins Spätwerk und Gegenentwurf ’Die Lebensinsel’.

Doch COLDWORLD holt uns zurück in die Bildbetrachtung: seine beiden Beiträge sind deutlich mehr Memento Mori, wie auch im wahren Leben ist die Psyche der kompliziertere, sprödere, nicht sofort zugängliche Teil. ’Wasser I (Seaghouls)’ perlt vordergründig gefällig, lichtvoll wie die warm-ockerfarbigen Felsen, doch ab der Mitte regiert die Dramatik, die Stimmung ist aufgewühlt, hier stellt sich jemand seinem Schicksal entgegen, kann noch nicht loslassen, gibt das Diesseits noch nicht auf. ’Wasser II (Horizon)’ nimmt diese Verzweiflung und Zerrissenheit nochmals auf, es ist das härteste, schroffste Stück der EP. Gleichzeitig erzählt der Text aus der Geschichte des berühmten Gemäldes:

„…The third one for the slaughterer
Eight of fourteen are already there
A door of stone, an empty home
Your initials painted in blood

The fourth one was feeding the flames
Released from a golden cage
The flames took the colours
The oils have faded to grey…

Es packt mit seiner emotionalen Tiefe, dem extremen Spannungsbogen und der mächtigen Stimmung (allein das Gitarrenriff des letzten Drittels!), um uns schliesslich versöhnlich auf einem Weg ins Licht, ins ewige Leben zu entlassen.

 

Perfekter kann ich mir keine zeitgenössische Vertonung dieser Bildbetrachtung vorstellen – intensiv, sehnsuchtsvoll, vielschichtig, hochatmosphärisch und ergreifend. Man spürt, wie nahe sich die beiden Bands stehen und sich gegenseitig ergänzen, und vor allem, wieviel Herzblut sie in diese „tiefe Verneigung vor einem der grössten Künstler des 19. Jahrhunderts“ einfliessen liessen. Wenn Böcklin in seinem Brief vom 29. Juni 1880 (1) an die Witwe Marie Berna schreibt: „Am letzten Mittwoch ist das Bild Die Gräberinsel an sie abgegangen. Sie werden sich hineinträumen können in die Welt der Schatten, bis sie den leisen lauen Hauch zu fühlen glauben, den das Meer kräuselt. Bis sie Scheu haben werden die feierliche Stille durch ein lautes Wort zu stören“, gilt dies keinesfalls für diesen kongenialen, die Wahrnehmung erweiternden Soundtrack – er macht Euch in jeglicher Weise reif für die Insel.

(9 Punkte)

 

 

http://www.farsot.de/, https://farsot.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/farsot.official/

https://colddimensions.bandcamp.com/, https://www.facebook.com/ColdWorldOfficial/

 

(1: http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Toteninsel (26. Februar 2014). H.A. Schmids zitierter Aufsatz «Die neu erworbenen Gemälde Arnold Böcklins» erschien im Jahresbericht der Öffentlichen Kunstsammlung, Basel 1920, S. 23–33.)


(VÖ: 28.09.2018)