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ZK – DIE TOTEN HOSEN die frühen Jahre 1980–1983

2017 (FanPro) – Ein Fotoband von Richard Gleim


Bilder können eine Momentaufnahme sein, können einen ungewollten oder falschen Eindruck vermitteln. Die Fotografien von Richard „ar/gee“ Gleim sind eine Momentaufnahme, ein kurzer Augenblick zu Beginn der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Seine Momente wurden an zahlreichen Orten aufgenommen und vermitteln einen unverfälschten Blick auf den Zeitgeist. Gleim war mitten drin und nicht nur dabei.

„Als Jazzer habe ich den Punk sofort verstanden“, ist die Aussage des geübten Klarinettisten, den das Aufbegehren der Jugend – gegen Konventionen und Regeln – mitriss.

Erst waren es London und New York, jetzt entstanden neue Hochburgen in Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Doch auch Richard Gleim sah bereits seit 1979, spätestens ab dem Jahre 1982 eine reine Mode aufkommen und Trittbrettfahrer die einstige Punk-Bewegung bevölkern.

Erst Gärtner und Kaufmann von Beruf, entwickelte sich Gleim in diesen Jahren zum freischaffenden Fotografen. Jahrelang dokumentierte er die Szene, publizierte seine Aufnahmen in Musikzeitschriften. Eine Dokumentation – „Guter Abzug“, 2kg schwer und im LP-Format – erschien 1982 mit seinen Fotos, einer Fanzine-Sammlung und einem Text-Büchlein für 29,- DM – und wurde sogar auf der „documenta 7“ in Kassel ausgestellt. Es sind Bilder eines Aufbruchs, Zeugnis einer Epoche, einer musikalischen als auch kulturellen Revolution. Richard Gleim versuchte sich anschließend jahrelang als Manager und gründete erfolglos eine Künstleragentur. Ein Teil seiner Bilder reist wohl weiterhin im Auftrag des Goethe-Instituts rund um die Welt.

 

 

Mit ´ZK – DIE TOTEN HOSEN die frühen Jahre 1980–1983´ erschien unlängst ein weiteres, hochinteressantes Zeitdokument von Richard Gleim. Ein dickes, 250 Seiten schweres Fotoalbum im Großformat, ein reines Bilderbuch, das durchgängig nur die rechte Seite für die schwarz-weiß Bilder ausschöpft und ansonsten, wie auf einer Vernissage, die linke Seite für Orts- sowie eventuelle Jahresangaben nutzt. Es begleitet die jungen Jahre der berühmten Düsseldorfer Kapelle, erst unter dem Bandnamen ZK, später als DIE TOTEN HOSEN, und zeigt geschossene Aufnahmen einiger Live-Konzerte, voller Adrenalin und Schweiß.

 

 

Das erste Mal traf Richard Gleim auf ZK in der „Trompete“ in Düsseldorf-Heerdt. Schlagzeuger Claus „Fabsi“ Fabian war geschminkt und sah wie Sänger Campino eher aus, als kämen beide geradewegs aus dem Zirkus. Kleidung und Frisur verkamen erst einige Jahre später zur Mode. Instrumenten-Tausch, Mikrofon gegen Schlagstöcke, war seinerzeit ebenso üblich. Zwischen 1978 und 1981 existierte die Formation ZK, aus der mit den Mitgliedern Campino und Kuddel im Anschluss die TOTEN HOSEN hervorgingen.

 

 

Selbst wenn eine Gruppe auf der Bühne spielte, saßen damals die Kids mit dem Rücken auf derselben. Die viel zu großen Hosen von Campino dürfen als Symbol für eine noch unreife Band stehen, die Schuhe ihrer Vorbilder, in die sie schlüpfen wollten, waren vorläufig zu groß. Nicht nur in der „Trompete“ in Düsseldorf-Heerdt blies Campino in seine Trompete, auch im „Haus Blumenthal“ in Krefeld. Ausgelatschte Puma-Schuhe, Streifenhosen und karierte Hemden zierten die jungen Astralkörper. Am 21. November 1981 war alles vorbei, ZK gaben im „Okie-Dokie“ in Neuss ihr Abschiedskonzert, doch schon 1982 gaben DIE TOTEN HOSEN unter der Oberkasseler Rheinbrücke vor 30 Besuchern ihr erstes Konzert – abermals Richard Gleim mittendrin.

 

 

Wir sehen auch zufällige Schnappschüsse oder Nahaufnahmen vom jungen Jochen Hülder, später Manager der TOTEN HOSEN und Geschäftsführer des eigenen Unternehmens JKP, oder Trini Trimpop, Schlagzeuger und Gründungsmitglied bei den TOTEN HOSEN, sowie Wölli und Breiti. Wir erleben die Band im „Café Nix da“, in der Kiefernstraße und in Essen. Düsseldorf-Garath, nebst spürbarer und bewegungsreicher Live-Intensität der Zuschauermenge, und der Auftritt im „OkieDokie“ 1983 erfahren eine ausführliche Würdigung und bilden den emotionalen Gipfel, eine Bewegung zu Zeiten ihres siedenden Höhepunkts, der Wandel erfolgte später.

 

 

„Ich bin eher der passive Teil. Die Bilder springen mich geradezu an“, sagt der mittlerweile 77-jährige Richard Gleim. „Bleib stehen, setz Dich hin und schau und hör und spür. Die Welt tobt um Dich herum. Extra für Dich.“

1983 tobte sie gewaltig.


Live-Bilder: (c) ar/gee Gleim

Ein Interview mit Richard Gleim findet sich hier.