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O.A.K. – Giordano Bruno

2018 (Aereostella) – Stil: Progressive Rock


Die Progressive Rock-Formation O.A.K. (OSCILLAZIONI ALCHEMICO KREATIVE) existiert seit 1993, dennoch sollte die Combo um Sänger/Multi-Instrumentalist Jerry Cutillo mit ihrem neuesten Konzeptwerk ´Giordano Bruno´ weit über die heimischen Grenzen hinaus Ruhm erfahren. Bislang lag das Augenmerk auf sinfonischem Rock der Siebziger Jahre aus dem vergangenen und esoterischen Untermalungen aus diesem Jahrhundert. Das aktuelle Doppel-Vinyl stellt daher alles Bisherige in den Schatten. Das Konzept, die Aufmachung, die beteiligten Musiker – alles ist von erlesener Qualität.

„und an die Herren der Welt, der Spielmann fragt nur, um nicht zwischen ihn und die Musik zu kommen“

Der Progressive Rock widmet sich in einer vielsprachigen Rock Oper ausführlich dem Leben von Giordano Bruno. Die Lyrics werden überwiegend in Italienisch gesungen, zwischendurch aber dem Konzept geschuldet ebenso in Englisch, Deutsch und Latein, der Begleittext jeder Komposition ist sogar in Italienisch, Englisch, Deutsch und Japanisch.

Giordano Bruno, geboren im Januar 1548 in Nola als Filippo Bruno, war ein italienischer Dichter, Philosoph und Astronom. Er trat dem Dominikaner-Orden bei und wurde 1572 Priester, geriet jedoch schnell in Konflikt mit der Kirche. 1576 floh er erstmals aus Neapel, um dem Verdacht der Ketzerei zu entkommen. Auch aus Rom musste er fliehen, und so reiste er fortan durch Italien, dann durch Europa. Bruno trat der protestantischen Kirche bei, um abermals der römischen Inquisition zu entgehen. Er hatte einen Lehrstuhl in Toulouse, wurde während der Hugenottenkriege von König Heinrich III. in Paris unterstützt. Auf dessen Empfehlung ging er nach Oxford, England, kam sogleich mit dem Lehrstuhl in Konflikt und kehrte nach Paris zurück. Dort wurde er aufgrund seiner 120 Thesen gegen die Naturlehre von Aristoteles auch nicht mehr herzlich empfangen. In Marburg erhielt er einen neuen Lehrstuhl, ehe er 1586 nach Wittenberg kam und Vorträge über Philosophie hielt. Es schlossen sich Stationen in Prag und Genf an. In Helmstedt begann er seine Frankfurter Schriften zu verfassen, so dass ihn auch die Lutheraner exkommunizierten. Es folgten Frankfurt am Main und Zürich, überall fand Bruno zwar Gönner aber weit mehr Feinde seiner pantheistischen Thesen über die Unendlichkeit des Universums. In seinen Thesen fand sich kein Platz für die Schöpfungsgeschichte der Kirche und des Jenseits. Heimweh trieb ihn auf den Lehrstuhl in Padua und nach Venedig. Von seinem Gastgeber Zuane Mocenigo wurde er letztlich denunziert, am 22. Mai 1592 von der Inquisition in Gewahrsam genommen und 1593 nach Rom in die Engelsburg gebracht. Sieben Jahre lang bereiteten sie einen Prozess gegen ihn vor. Letztlich sollte er alle Thesen widerrufen, er hielt dennoch an der Ablehnung des Jüngsten Gerichts, von Christi als Sohn Gottes und seiner Behauptung vieler ‚Welten‘ fest. Ein weltliches Gericht verurteilte Bruno zum Tode auf dem Scheiterhaufen. Am 17. Februar 1600 wurde der 52-jährige Giordano Bruno auf dem Campo de’ Fiori hingerichtet und seine Bücher auf den Index verbotener Schriften gesetzt. Erst Papst Johannes Paul II. erklärte 2000 die Hinrichtung für Unrecht, selbstredend ohne vollständige Rehabilitierung.

Die musikalische Umsetzung nimmt den Zuhörer umgehend gefangen. Es ist italienischer Progressive Rock in Vollendung, der seine Verwandtschaft zu GENESIS und JETHRO TULL bezeugt (´Campo Dè Fiori´). Die Gastmusiker tun ein Übriges: Auf ´Shaman Feet´ aus 2010 trat bereits Maartin Allcock (FAIRPORT CONVENTION, JETHRO TULL) und auf ´Viandanze´ aus 2016 David Jackson (VAN DER GRAAF GENERATOR) in Erscheinung, doch 2018 sind neben Allcock und Jackson ebenfalls Sängerin Sonja Kristina (CURVED AIR) und Bassist Richard Sinclair (CAMEL, CARAVAN) zugegen. Gerade die wabernden Keyboardtasten, im Zusammenspiel mit dem Saxofon von David Jackson, wehen einen Hauch von VAN DER GRAAF GENERATOR (´Liber In Tiberi´), und nicht erst die Flöten-Einsätze (´Circe´), sondern bisweilen der Gesang von Jerry Cutillo den von JETHRO TULL (´Angeli Senza Ali´) hinein – wunderbar obendrein in instrumentalen Kompositionen (´La Cena Delle Beffe´). Ganz vorzüglich singen Sonja Kristina und Jerry Cutillo in Englisch, abermals gekrönt von Saxofon und instrumentaler Eruption (´Diana/Morgana´), sowie Richard Sinclair (´Dreams Of Mandragora´). Und das musikalische Miteinander erfährt fortwährend neue Gipfel, selbst in der einzigen Fremdkomposition (´Danse Macabre´, von Camille Saint-Saëns aus 1874) dürfte Ian Anderson entzückt von der Tribüne her applaudieren. Insbesondere für Krautrock- und Italo Prog-Liebhaber stellt der von Jerry auf Deutsch, von Sängerin Jenny Sorrenti (SAINT JUST) auf Englisch vorgetragene ´Wittenberger Fuchstanz´ den heimlichen Höhepunkt dar. Natürlich reichen wir dem ebenfalls auf dem Coverartwork verewigten Fuchs die Hand zum Tanz:

„Was geschehen ist, wird wieder geschehen. Es gibt nicht Neues unter der Sonne“.

Auf der Bühne wollen O.A.K. die Rock Oper als Quintessenz aus Giordano Brunos Leben und Träumen, seinen Reise durch Europa, seinen Begegnungen mit Königen und Shakespeare, in einem zweistündigen Konzert, einer Multi-Media-Performance aufführen. Hoffentlich entstehen keine Verwechslungen mit den norwegischen Progrockern oder den Death-Doomern OAK aus den USA, der Hardcore-Band aus Schweden sowie denselben Namensträgern aus Frankreich und den Niederlanden. Bis zu den Live-Auftritten ist unbedingt das Gesamtkunstwerk als Doppel-Vinyl (inclusive CD) zu goutieren, ansonsten ist ´Giordano Bruno´ nur noch Digital erhältlich.

(9 Punkte)

 

 

https://www.facebook.com/oscillazionialchemicokreative/

http://www.oaksound.com/

http://www.oakgiordanobruno.eu/

http://www.self.it/ita/details.php?nb=8034094090694