Lesen & SchwelgenVergessene Juwelen

BETRAY MY SECRETS – Betray My Secrets

1999 (Serenades Records) – Stil: Ethno-Metal


(Achtung Spoiler! Wer dieses Juwel noch nie gehört hat, sich aber dafür interessiert, bitte ab Absatz zwei, „Anfang März 1999 erschien …“ weiterlesen. Ich will niemandem den unwiederbringlichen Ersteindruck verderben. Ihr könnt ja hinterher nochmal von Anfang an lesen… 😉 )

 

Mit meinem besten Freund auf dem Weg zum ´Summer Breeze´. Natürlich landen für die Fahrt traditionell diejenigen Neuentdeckungen im Wechsler, auf die wir gerade am meisten abfahren und die der andere noch nicht kennt. Fragt mich nicht, wieso es diese Scheibe erst kurz vor Abtsgemünd beziehungsweise während der Einfahrt auf den als Campingplatz fungierenden Stoppelacker unter den Laser schafft, aber nun erschallen endlich die ersten orientalischen Töne und Chants. Es ist heiß, die Scheiben sind runtergedreht, und uns steht ein entspanntes Wochenende bevor, aber jetzt werden auf dem Fahrersitz erstmal demonstrativ die Augenbrauen hochgezogen und man trommelt nervös auf dem Lenkrad herum: „Wassen des???“ – „Das Intro“ – „Hmhmmm“. Ich will die Lautstärke hochdrehen, es kommt zum Handgemenge am Volumeknopf und gleich geht die Motzerei los: „Hey, ich fahr hier aufn Metalfestival, und du kommst mit so nem Kram an – was sollen denn die Leute von uns denken?“. Ich muss mir ein Grinsen verkneifen, waren wir doch grade kürzlich zusammen auf einem DARKSEED-Konzert und teilen zu mindestens 80% unseren Musikgeschmack, aber mittlerweile sind wir endlich bei 1:47 angekommen (Männer können ja so schrecklich ungeduldig sein…) und es ist ein Wunder, dass wir keine Schleudertraumen abbekommen, denn neben mir wurde eben ganz heftig zusammengezuckt und eine Art genussvolle Schockstarre hat zeitgleich mit dem ersten Riff eingesetzt, und geht sofort danach in freudiges Schlagzeug-Mitnicken und -wippen über. Dann beginnt auch noch Stefan Hertrich zu fauchen, und es ist endgültig aus – nur noch glückseliges Wimmern, die Augen weit aufgerissen. Der Refrain – ein langgezogenes „Booooaaaahhh! Wie geeeiiil!!!“ wird von Grunzlauten abgelöst, die Haare fliegen zum Autohimmel…Exstase pur! Wir holpern im Schneckentempo weiter, meine völlig unnötigen Fragen wie „Sollen wir uns da bei dem Baum hinstellen, da is bissl Schatten?“, „Willst Du auch ’n Bier?“ oder „Zelt vorm oder hinterm Auto aufbauen?“ werden wie lästige Fliegen weggewedelt, der Zeigefinger hängt unwillig vorm glücklich zuckenden Mund, und man zeigt mir an, ich solle doch bitte einfach nur still sein… Ich baue das Zelt auf, räume meinen Kram ein, unterhalte mich mit den Nachbarn, trinke noch was und gehe dann irgendwann los vor die Bühne. Mann hat das Auto bislang nicht verlassen. Kurz vor dem Headliner treffen wir uns unten auf dem Festivalgelände  wieder, man drückt mich kurz, aber innig und bedankt sich zwinkernd. Natürlich wird es das erwartet-geile Wochenende, doch bis zu meiner Haustür wird dieser kleine Silberling erleben, was „Heavy Rotation“ tatsächlich bedeutet…

Anfang März 1999 erschien mit ’Give Me Light’ das vierte Album der Münchner Gothic Metaller DARKSEED; im Jahr darauf erlebten sie ihren kommerziellen Durchbruch mit ’Diving Into Darkness’, doch bereits zum Jahreswechsel 98/99 erblickte die erste und einzige LP des Sideprojektes von Sänger Stefan Hertrich zusammen mit Schlagzeuger Harald Winkler und Christian Bystron, Gitarrist bei MEGAHERZ, das Licht des neuen Jahres – BETRAY MY SECRETS.

Ursprünglich angedacht als Gothic-/Black Metal-Projekt, entwickelt sich die Sache schnell in eine ganz andere Richtung, denn Hertrich wie Bystron sind stark beeinflusst von ethnischer Musik, die ihnen auf den damals boomenden Esoterikmessen und vor allem beim Münchner Tollwood-Festival begegnet. Da letzterer schon bei diversen Meditations-CDs an Gitarre und Bass mitgewirkt hat, sind seine Kontakte in der Szene, die wir heute als Weltmusik bezeichnen würden, ausgezeichnet, und so kennt er die meisten Gastmusiker bereits persönlich. Und derer sind so einige auf dieser Platte vertreten, als Sänger/Innen und an so exotischen Instrumenten wie chinesischen Gitarren und Blechperkussion, Sitars, Tablas, indischen Bambus-Flöten, nepalesischen Piccolo- und indonesischen Seruling-Flöten, einem Instrumentarium, das man wahrlich eher in einem Tempel als auf einer Metalbühne vermuten würde. Hertrich komponiert die meisten Songs selbst und arbeitet sie zusammen mit Bystron aus, ‘On Wings Of Song’, ‘From The Goddess’ und ’Oh Great Spirit’ sind Covers von Coach und New Age-Musiker Robert Gass.

Und wie klingt das nun alles zusammen? Einfach perfekt, denn hier dienen die exotischen Zutaten nicht nur zur Geschmacksverstärkung, sondern spielen eine absolut gleichberechtigte Rolle neben dem Metalelement, was sich zeitgemäß vor allem aus der Neuen Deutschen Härte und dem Gothic Metal speist: stark verzerrt bratende Gitarren- und Bassriffs, extreme, stakkatoartige Rhythmusbetonung und hoher Elektronik/Synthanteil. Stefan Hertrich bringt ein für ihn bislang ungewöhnliches Death Metal-Growlen sehr stimmig rüber, und bildet damit den stimmungstragenden Gegenpart zu den ätherisch-fremdländischen Frauenstimmen; die Dynamik der für damalige und Genreverhältnisse eher langen Songs ist allein durch die verschiedenen Beteiligten extrem hoch, ein spannender, immer wieder überraschender Musikgenuß.

Auch wenn es für BETRAY MY SECRETS bei der vorangehenden ´Oh, Great Spirit’-7“ und dem hier besprochenen Album blieb, mit der Pioniertat, extremen Metal und rituelle Klänge aus aller Welt symbiotisch miteinander zu verbinden, haben sich die Münchner in die Geschichtsbücher eingetragen. Stefan Hertrich hat danach mit SHIVA IN EXILE sowie SPIRITUAL noch eine Weile in ähnlichem Stil weitergemacht, beschäftigt sich heute jedoch ausschließlich mit dem verfassen spiritueller (Hör-)bücher.

Die 90er als Hochzeiten des Crossover haben damit auch hier eine einzigartige, exotische Blüte hervorgebracht, die wie in Wachs konserviert zeitlos mit ihrer Pracht und ihrem Duft betört. Ein Klassiker für alle Tellerrandspringer!