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MARILLION – All One Tonight (Live At The Royal Albert Hall)

2018 (earMusic/Racket Records)


Wenn die Dramatik der Komposition ´El Dorado´ über Auge und Ohr in des Zuschauers Körper Einlass findet, wird allzu offensichtlich, dass sich MARILLION längst von ihrem Format und von ihrer Ausstrahlung neben PINK FLOYD in der ewigen Ruhmeshalle gemütlich gemacht haben. Selbst wenn sie nicht in derselben monetären Liga und in denselben Arenen spielen, wird alles, was sie mit Sinn und Verstand angehen, ein Erfolg. Ihr Auftritt in der altehrwürdigen Royal Albert Hall zu London, am 13. Oktober 2017, war für die sich glücklich schätzenden, anwesenden Zuschauer mehr als ein gewöhnliches Konzerterlebnis. Bereits nach dem ersten, erwähnten Lied gibt es Standing Ovations und MARILLION lassen es sich nicht nehmen, in der 1871 erbauten Festhalle von Kensington, ihr komplettes Konzeptwerk ´F.E.A.R.´ vorzutragen. Dass die viktorianische Architektur des Gebäudes einem römischen Amphitheater nachempfunden wurde, ist sogleich aus einigen Kamerafahrten ersichtlich und MARILLION fahren ebenso wie die Großen des Geschäfts einiges an Lichteffekten in solch einem ehrwürdigen Rund auf.

Die Zuschauermenge singt bereits beim zweiten Song mit. Der Band ist anfangs, allen voran Sänger Steve Hogarth, eine natürliche Nervosität anzumerken, gleichwohl hält sich Hogarth mit Ansprachen nicht zurück. MARILLION genießen einen ihrer großen Auftritte: Steve Rothery wie immer tief in der Musik versunken, Pete Trewavas zeitweise wie ein Gummiball hüpfend und mitsingend. Der Geist der Royal Albert Hall ist spürbar. Eric Clapton spielte hier die meisten Konzerte, die BEATLES und CREAM, alle Größen standen hier auf der Bühne. PINK FLOYD feuerten 1968 zwei Kanonen ab und haben seither Hausverbot. DEEP PURPLE führten 1969 hier ihr ´Concerto For Group And Orchestra´ erstmals auf. Und am Ende werden MARILLION selbst von den Zuschauerreaktionen restlos ergriffen sein.

Der erste Abschnitt des Konzerts beinhaltet die fantastisch umgesetzten sechs, teilweise mehrteiligen Kompositionen von ´F.E.A.R.´ aus 2016, während sich die Band im zweiten Abschnitt, entsprechend dem Ambiente, in Form des IN PRAISE OF FOLLY STRING QUARTETTs sowie eines French Horn-Spielers und einer Flötistin Verstärkung auf die Bühne und Steve Hogarth seine royale Uniform aus dem Schrank holt. Gemeinsam widmen sie sich – einem Feuerwerk gleich – edlen Kompositionen aus der Hogarth-Ära. ´The Space´, ´Afraid Of Sunlight´, ´The Great Escape´ oder ein unbeschreiblich strahlendes ´Easter´ betören in einem neuen Klangerlebnis. ´Neverland´ setzt einen der letzten Höhepunkte eines einmaligen Konzertauftrittes, im dunklen Lichtermeer des Runds. Überwältigend.

Derweil wohl auf der Audio-Version der Doppel-CD einige Ansagen herausgeschnitten wurden, gibt es den vollen Genuss via Doppel-DVD oder Blu-ray. Seit Anfang April über die Band-Homepage zu erstehen, sind die Versionen aktuell endlich im regulären Handel angekommen. Nachdem zuletzt MARILLIONs Meisterwerk der Hogarth-Jahre ´Brave´ in neuem Glanze, inklusive einer ´Live At La Cigale´-Performance, wiederveröffentlicht und gewürdigt wurde, erhalten die Anhänger das passende Äquivalent bereits jetzt: ´All One Tonight (Live At The Royal Albert Hall)´, eine schwer meisterliche Konzertdarbietung, geradezu königlich. Wer sich noch immer nicht über die Stellung von MARILLION in der Königsklasse bewusst war, bekommt sie hier äußerst eindrucksvoll vor Augen geführt.

Pic: Anne Marie Forker