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AMORPHIS – Queen Of Time

2018 (Nuclear Blast) – Stil: Epic MeloDeath


Mal ne persönliche Frage: wie wählt ihr Bandshirts aus? Greift ihr einfach planlos in den Schrank oder wägt sorgfältig ab, sucht zum Beispiel eine Message, die thematisch eurer mentalen Tagesform perfekt entspricht? Oder kleidet ihr euch provokant-kratzbürstig genau konträr zum Stil des besuchten Konzerts? (Natürlich, und Shirts des Headliners sind immer und überall aufgrund eines vorderen Artikels des Metal-Grundgesetzes tabu – Anm. MH) Möglicherweise kuschelt ihr euch auch schwerst nostalgisch in Reminiszenzen an vergangene, vermeintlich bessere Zeiten, als die Liebe zwischen Euch und dieser oder jener Kapelle noch rein und tief war wie tausend nordische Seen?

Also mein AMORPHIS-Shirt hat in den letzten Jahren höchstens umzugsbedingt mal kurz das Tageslicht gesehen, getragen habe ich es ewig nicht mehr. Vor etlichen Äonen war ich ergebener Fan der Finnen, aber wie das oft so ist, irgendwann war das zu Anfang so lodernde Feuer erkaltet, passierte nicht viel und schon gar nichts mehr neues in unserer zu Beginn doch so leidenschaftlichen Beziehung. Wir hatten uns auseinandergehört, uns nichts mehr zu sagen. Vor drei Jahren schaffte es ‘Under The Red Cloud’ nur durch gutes Zureden in meinen Player, verblieb dann jedoch überraschend lang dort, und ganz zaghaft kamen zarte Erinnerungen an gemeinsame Zeiten zurück; doch für ein echtes Revival wie beispielsweise einen Konzertbesuch reichte das bei weitem nicht aus.

Drei Jahre später muss ich aus (dem sehr ‘Tuonela’-lastigen) ‘Wrong Direction’ zitieren: “I should have seen it coming…the signs on the road had changed…everything had turned upside down”. Sei es meine neuerliche SC-Trve-Metal-Sozialisation mit Kulmination im KIT-Besuch, eine beginnende stählerne Altersunschärfe oder einfach nur ein Zeichen der chaotisch-fordernden Zeit, in der wir leben und die ihre kleinen Fluchten einfordert: ich beobachte mich wiederholtermaßen höchst erstaunt selbst, denn es kann nun tatsächlich auch mal der ganz große Melodiebogen, die klassische Sopranstimme und der extrem fette Bombast für mich sein!

Aber keine Sorge, wir sind hier nicht bei NIGHTWISH & Konsorten, und auch nicht bei GHOST gelandet…denn ähnlich wie bei der ebenfalls dreizehnten KATAKLYSM zeichnet dieses Studioalbum vor allem etwas ganz anderes aus: hier hat sich eine Band tatsächlich einmal kein bisschen darum geschert, was „man“ von ihnen erwartet, was „geht“ oder „gar nicht geht“, sondern einfach mal ihre komplette Kreativität ausgelebt – wobei der Beitrag von  Produzent Jens Bogren als mittlerweile siebtem Bandmitglied nicht unterschätzt werden darf. Die sogar für AMORPHIS-Verhältnisse abgepfiffenen Ideen wie Kehlkopfgesang, Saxophon- und Orchestereinsatz, klassische, fast Orff´sche Chorarrangements oder auch die mystische Rezitation von Texter Pekka Kainulainen (beides im grandios hörspielartigen ‘Daughter Of Hate’) gehen auf sein Konto, doch der ganze Rest ist einfach AMORPHIS pur: große, packende Melodeath-Songs, die angetrieben durch die Gitarren nach vorne preschen, pure finnische Epik (‘Heart Of The Giant’ mit seinem ‘Tales From…’-Beginn) mit extrem viel Folkanteil, der eine berührende Melancholie mitbringt, epische, fast schon symphonisch zu bezeichnende Themen und Riffs verschmelzen mit den neu hinzugekommenen Elementen zu wahren Hymnen, was den Gesamtklang nochmals eine ganze Ecke voller macht. Dabei überstrahlen sie jedoch niemals die zugrunde liegenden Rock-/Metal-Elemente, sondern verstärken diese, betonen die ständigen Dynamik- und Stimmungswechsel, und zusammen erreicht alles noch mal eine höhere Ebene. 

Sämtliche Musiker erbringen Höchstleistungen, allen voran Tomi Joutsen, dessen scheinbar unendlich breites und kraftvolles Gesangsspektrum im cleanen wie im rauen beeindruckt und mit seinem charmantem Akzent betört. Growlen, Fauchen und Singen halten sich song- und vor allem stimmungsdienlich stets die Waage. 

Genauso herausstechend ist die Gitarren- und Bassarbeit, vor allem Bandgründer Esa Holopainens vielfältige erzählende Melodielinien, die diesmal noch durch einen ordentlichen Oriental- und Flamenco-Touch erweitert werden (´The Golden Elk’ mit zusätzlicher Oud, ´Grain Of Sand’). Musikalisches wie emotionales Highlight der Platte ist für mich ´Amongst Stars´, das famose Duett mit Anneke van Giersbergen (Ex-THE GATHERING) – wer hierbei keine Gänsehaut kriegt, hat bedenkliche Probleme mit dem vegetativen Nervensystem.

AMORPHIS war schon immer eine Band, die man nach nur wenigen Takten erkennt – durch ihre einzigartige Art, gleichzeitig eingängige wie detailverliebte Lieder zu schreiben. Dass sie sich mittlerweile selbst zitieren, bleibt nach fast dreißig Jahren nicht aus. Gleichzeitig haben sie mit ´Queen Of Time´ eine monumentale Platte abgeliefert, die progressiv im eigentlichen Sinne ist: Fortschritt durch Wagnis. Wunderschöne, erhebende Musik für die Sommernacht am Lagerfeuer, die auch noch in einer verschneiten Berghütte im Winter zünden wird. Da wird zur im Herbst folgenden Europatour diesmal ganz sicher ein Konzertbesuch fällig, und mein altes Shirt darf natürlich schon viel früher wieder mal an die Luft – mit Stolz getragen, selbstverständlich.

(9 Punkte)

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