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NEEDLEPOINT – The Diary Of Robert Reverie

2018 (BJK Music) – Stil: Canterbury 


Öffnen wir das Tagebuch von Robert Reverie, einem Farmer und Faulenzer. Lieber schaut er tagsüber in den Himmel und schläft nachts in der Scheune, als sich einem geregelten Tagewerk zu widmen. Das ist das Landleben, eins mit Mutter Natur. Wolken am Himmel beobachten oder die Fliegen an der Decke, alles andere ist von untergeordneter Bedeutung. Wichtig allein, wenn und wann sich der blaue Himmel in einen grauen verwandelt. 

Das ist Canterbury, eine einstige Pilgerstätte im Südosten Englands. Derweil wir auf den Apfel warten, der da oben vom Baum herunter fallen soll, gedenken wir den Ursprüngen der nach der Domstadt benannten musikalischen Ausrichtung, den großen Gruppennamen SOFT MACHINE und CARAVAN. Von Beginn an dabei: Robert Wyatt. Im entfernten London mussten sich Syd Barrett und die hippe Szene via visuellem Anschauungsunterricht musikalische Bilder von der Schlichtheit so manchen Lebens ausmalen. Nicht minder erfolgreich. Kommerziell gesehen im Laufe der Jahrzehnte weit mehr. 

Norwegen scheint nicht allzu weit von Canterbury zu liegen. NEEDLEPOINT sind der neueste Exportschlager, der geradewegs den Sechzigern und dem Zentrum der Kirche von England und der Anglikanischen Gemeinschaft entstammen könnte. Sie sind legitime Nachfahren der einst aufbrechenden Szene. Definieren ihren Rock mit Psychedelic und Jazz. Aber alles landschaftlich fließend, eins mit der Natur werdend, alles tiefenentspannt, den Grashüpfern mit geschlossenen Augen beim Spielen zuhören. Auch Skandinavien kann Gelassenheit mit LANDBERK ausstrahlen, die progressive Ader kann Norwegen bei WOBBLER oder TUSMØRKE ausloten.

NEEDLEPOINT sind ein einsamer Lichtquell in der Dunkelheit der Landschaft. Einst von Gitarrist Bjorn Klakegg (OUT TO LUNCH, NUKU) mit Bassist Nikolai Hængsle Eilertsen (ELEPHANT9, THE NATIONAL BANK) sowie Keyboarder David Wallumrod (SOUTHPAW, LESTER) und Schlagzeuger Olaf Olsen (BIGBAND) gegründet, legen die Tagebücher des Robert Reverie einen weiteren Nachweis ihres Schaffens ab. Und natürlich weckt die träumerische Angelegenheit den gefühlvollen und legeren Blick auf die Siebziger Jahre, auf Robert Wyatt, SOFT MACHINE und CARAVAN, auf die ur-britischen Vertreter des Progressive Rock, auf GENESIS und CAMEL, auf ihre Verwandtschaft aus NEUSCHWANSTEIN. Die erzeugten Landschaften sind beschwingt, gleichzeitig sanft und kraftvoll. In der Reinheit der Natur liegt die wahre Schönheit, die Musik zeugt von dieser, strahlt sie aus. Ein wolkenloser Himmel vermittelt die Tiefe, in der alle Träume gedeihen und Wirklichkeit werden können. Einfach nur den eigenen Füßen folgen und im Boden Abdrücke für die Nachwelt hinterlassen. Unvermeidlich. NEEDLEPOINT haben ihre bereits modelliert. Ihren Weg markiert. Zeichen und Marke gesetzt.

(8,5 Punkte)

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