PlattenkritikenPressfrisch

THY CATAFALQUE – Geometria

2018 (Season of Mist) – Avantgarde Metal


Avant-was? Und dann noch Metal? Was soll man sich hierunter denn bitte vorstellen?

Mit diesem Etikett schmücken sich mittlerweile Kapellen aus allen möglichen, auch harten Musikbereichen, sehr gerne von der post-/ schwarzen Seite, auf der progressiv-artrockigen, jazzigen, und natürlich der elektronischen Spielwiese. Am besten trifft er jedoch auf all diejenigen zu, die es tatsächlich vermögen, durch einen frischen, neuen Blick auf alles bisher Bekannte etwas ganz und gar Neues zu erschaffen – was sich immer weiterentwickelt, stets verändert, so wie einem das Schauen durch ein Kaleidoskop ständig neue ästhetische Eindrücke verschafft.

Ursprünglich stammt der Begriff der Avantgarde aus der Militärsprache und bezeichnet die Vorhut, die als erste in feindliches Gebiet vordringt; im weitesten Sinne sind Avantgardisten Vorreiter, „die neue, wegweisende Entwicklungen anstoßen. Im Gegensatz zum Trendsetter, der nur kurzfristige neue Moden anstößt, sind die Veränderungen, die von der Avantgarde ausgehen, von grundsätzlicherer und längerfristiger Wirkung.“ (Wikipedia). Auf THY CATAFALQUEs aktuelles Werk trifft vor allem letzteres ganz sicher zu – wir haben es hier mit Musik zu tun, die tief unter die Haut geht, dabei aber auch immer die Seele streichelt…anspruchsvolle, aber trotzdem eingängige Wohlfühlmusik für verwöhnte Hörer, so ließe sich das Ganze vielleicht umschreiben.

Multiinstrumentalist Tamás Kátai führt die ehemalige Black Metal-Band seit ihrem fünften Album ´Rengeteg’ als Soloprojekt mit Gastmusikern vor allem aus seiner Heimat Ungarn weiter, er wird beim nunmehr achten Longplayer unter anderem von Martina Veronika Horváth (NULAH, NIBURTA) mit ihrem wunderschönen, ätherisch-schwebenden Sopran unterstützt und Gyula Vasvári von den ungarischen Post-Black Metallern PERIHELION, ebenfalls am Mikrophon (die Lyrics sind übrigens durchgehend ungarisch!). Desweiteren kommen Violine, Saxophon und Trompete zum Einsatz, den grössten instrumental-gestalterischen Raum in Kátais musikalischem Universum nehmen mittlerweile jedoch Keyboards und elektronischen Effekte ein. Was jedoch keineswegs heißt, dass man hier auf Blastbeats oder riffkonzentrierte Gitarren verzichten müsste, es gibt unvorstellbarerweise einfach die Vollbedienung als ‚best of many worlds’: Electronica, Ambient, Folklore, Jazz, Pop und Wave gehen mit Rock und Metal eine wundersame, vollkommen organische Symbiose ein, die wirklich allen Beteiligten zugute kommt und nutzt. Meist beginnt ein Lied ganz typisch in einem Genre und entwickelt sich faszinierenderweise völlig unmerklich in etwas ganz anderes, was niemals ein Hybrid ist, sondern eine Entität für sich.

Doch genug philosophiert, endlich in medias res: ein paar musikalische Kostproben gefällig? Wer kein Problem damit hat, sechs Minuten lang auf den ersten Einsatz der Stromgitarre zu warten, aber derweil lustvoll in tiefsinnigen slawischen Geigen- und Keyboardklängen sowie schwerelosen Frauenstimmen schwelgen kann, sollte den langsamen Einstieg in die Platte mit viel sanftem Fender Rhodes und schmachtend klagender Violine antesten, bevor ihn mit ´Szamojéd Freskó´ der Black Metal-Furor gepaart mit vertrackter Prog-Rhythmik auf den Boden der Tatsachen zurückholt – ein Song mit einem unglaublichen Spannungsaufbau durch ständige Wiederholung und Abwandlung, Black Metal eben, nur ganz anders weitergedacht, denn Goa-artige Passagen führen schon auf den folgenden Track, den hypnotischen Dancefloor-Hit des Albums hin: auf eine Komposition wie ´Töltés’ wären nicht nur diverse Synthwave-Größen, sondern auch die Herren Gore/Gahan stolz, wer hier still sitzen bleiben kann, kann ‚Groove’ noch nicht oder nicht mehr buchstabieren.

Der Tanzreigen geht flott weiter mit ´Gőte´, einer Electrofolk-Polka mit Trompeten- und Saxophonsoli, sicherlich nicht jedermanns Sache, ´Sárember´ hält Tempo und Rhythmus als violinisierter Darkwave-Rocker à la THE CRÜXSHADOWS, und bei ´Balra A Nap´ grüsst nach folkig-VÄRTTINÄskem Beginn die wahre Elektro-Avantgarde aus Düsseldorf mit perlenden Synth- und Stimmfolgen im Duett mit Bass und Drums, es geht sozusagen im ‚Trans Europa Express’ von Skandinavien auf den Balkan. Wem es trotzdem eher nach Stahl giert, der bekommt diesen beispielsweise von ´Lágyrész´ auf einem nordenglisch gehärteten Tablett serviert, das bereits melancholische Häppchen der ‚Peaceville Three’ darzubieten wusste, diesmal jedoch ausgesprochen harsch garniert – noch langsamer wird es nur ganz zum Schluss, wenn ´Ének A Búzamezőkről’ gemächlich den tonnenschwer-epischen Doomteppich ausrollt.

Wer sich jetzt noch die Frage stellt, was das nun mit Metal zu tun hat, sollte vielleicht tatsächlich zum nächsten Review weiterklicken, wer jedoch offene Sinne für das wirklich Neue hat, wird nicht an THY CATAFALQUE vorbeikommen. Dieses Meisterwerk führt den Weg von ´Sgurr´ zu ´Meta´ auf eine höhere Ebene, auf der sich wunderbar intensiv lauschend verweilen lässt. Wenige andere Platten werden 2018 das Komplexitätslevel von ´Geometria´ erreichen, und dabei alle Sinne so betören wie dieses kosmisch-schillernde Klangfarbenjuwel.

(9 strahlende Punkte)

https://thycatafalqueuk.bandcamp.com/
www.facebook.com/thycatafalque

Schreibe einen Kommentar