PlattenkritikenPressfrisch

SCARDUST – Sands Of Time

2017 (Independent) – Stil: Symphonic Progressive Metal


Gewonnen hat Israel! Aber nicht mit pseudofeministischem Gegacker, sondern hiermit: Was machen Jünger von VANDEN PLAS, SYMPHONY X und NIGHTWISH in der Dürrezeit zwischen neuem Material ihrer Helden? Nun, sie könnten sich die brotlosen Monate mit dem aktuellen Longplayer von SCARDUST versüßen, der 2017 leider den Weg zwischen meine Ohren verfehlte, jedoch die Trademarks der genannten Bands auf gekonnte Weise vereint.

Unter dem Vorgängernamen SOMNIA wurde bereits 2015 eine EP veröffentlicht, die auch unter aktuellem Banner released wurde, letztes Jahr dann das Debüt. Ungewöhnlich, aber sehr ansprechend der Gesang, der neben der klassischen Divenstimme besonders in der räudigen Bitchlage bis zu Wahnausbrüchen sehr anturnt und durch Growls aufgelockert wird. Dem steht das handwerkliche Können in nichts nach, die opulenten Chöre könnten vom Extrachor des Pfalztheaters kommen und first and last and always stimmen hier endlich mal wieder Kompositionen und Arrangements gegenüber der Masse an Mitbewerbern. Auch die Orchestrationen sind sehr gelungen – alles, was das Progherz braucht: Streicher, Piano, Orgel. Der Hartwurstfanatiker bekommt fette Gitarren, brummende Bassmelodien als auch anspruchsvolles, breakdurchsetztes Drumming. Die wilden Tänze der Instrumentalorgasmen eruptieren immer wieder in Melodien im XL Kinoformat zum niederknien.

Die erste Hälfte von ‚Sands Of Time‘ widmet sich in fünf Teilen dem namensgebenden Konzept und erinnert durch die vokale und instrumentale Vielfalt als auch der Gefühlspalette der Kompositionen an unsere heimischen Hoffnungsträger FLAMING ROW. Die Texte handeln von Sorgen, Schmerz, Verzweiflung, dem immerwährenden Kampf – aber auch dem Lichtstreifen am Horizont – der Sand der Zeit läuft heilend durch das Stundenglas, auch wenn er letztendlich das Ende bringt. Ein Opus, eine Präsenz, wie ich sie schon lange nicht mehr…nein, nicht Obi Wan, sondern Kobi Farhi (ORPHANED LAND) und Jake E (Joacim Lundberg – ex-AMARANTHE, aktuell CYHRA) veredeln als zwei hochkarätige Gastsänger die zweite Hälfte des Werkes nach dem flotten ‚Arrowhead‘, das wie fast alle folgenden Titel keinen Deut vom Opus abfällt und alle Facetten dieser Ausnahmeband erneut vereint. Ich könnte heulen (wenn ich gerade wieder an den ESC Sieger denke).

Alles in allem ein Fest für den Hörer mit intellektuellem Zugang und da ich mir das Ding seit Februar durch die Muscheln jage, es noch nicht abgenutzt ist und seit langem nichts Bemerkenswertes in dieser Sportart mehr passiert ist, erhöhe ich meine ursprünglichen Glücksgefühle um einen Zähler:

9 zeitlose Punkte aus Metall, nicht Sand

https://scardust.bandcamp.com/

http://scardust.co/

 

Schreibe einen Kommentar