Livehaftig

HAMMERSMITH & CRUSADER

06. April 2018, Café Central, Weinheim


Über Sinn und Notwendigkeit der Flut von 80er-Metal-Tributebands lässt sich trefflich streiten, und ich gehöre dabei nur äußerst selten zur Pro-Fraktion, auch wenn die Partytauglichkeit einer guten Gruppe unbestritten bleibt. An manche heiligen Originale hat sich jedoch – meist aus gutem (einmaliger, nicht nachzuahmender Fronter-)Grund – bisher kaum jemand rangetraut. Dazu gehören vor allem meine All-Time-Faves MOTÖRHEAD, bei denen covern für mich immer tatsächlich an Blasphemie grenzte. Nun ja, die Zeiten haben sich geändert, vom Original-Line-up wandelt keiner mehr auf dieser Erde, und wer soll nun all diese geilen Stücke live spielen? Tja, da hätte ich spätestens jetzt einen Tipp…

HAMMERSMITH haben sich in der aktuellen Besetzung nicht allzu lange vor Lemmys Tod in Mannheim zusammengefunden, und ich hatte bisher nur enthusiastische Reaktionen über Ihre Shows gehört, also bot das heutige Double Feature in meinem Lieblingsclub endlich mal den geeigneten Anlass, die Band anzutesten. Die Zweiten im Bunde, CRUSADER, kommen ebenfalls aus der Kurpfalzmetropole und spielen, wie sollte es anders sein SAXON. Nun ja, die Zeitreise zurück war also vorprogrammiert, und ich hatte mit mir selbst vereinbart abzubrechen, wenn es genug wäre – aber weit gefehlt, der Freitagabend wurde lang, ziemlich lang … und das relativ gut gefüllte Café Central ging mit und hatte seinen Spaß, als ob hier & heute alle miteinander mal locker 20 oder sogar 30 Jahre jünger wären.

Um später selbst noch was vom Abend zu haben, betreten HAMMERSMITH unter Morricone-Klängen als Erste die Bühne, Crazy Chris macht mit dem Bandmotto „WE ARE HAMMERSMITH, AND WE PLAY MOTÖRHEAD!“ eine klare Ansage, um mit ‚Jailbait‘, ‚Iron Fist‘ und ‚Metropolis‘ in ein MH-Klassiker-Set aus den Jahren 1977 bis 1982 einzusteigen. Die Monnema spielen nämlich grundsätzlich bei jedem Gig das komplette namensgebende klassische MH-Livealbum, und bauen um diese elf Meilensteine herum noch einige zusätzliche Rock’n’Roll-Schmankerl wie ‚I’m The Doctor‘, ‚Fire Fire‘, ‚Dead Men Tell No Tales‘, ‚White Line Fever‘ oder ‚Heart Of Stone‘ mit ein.

Sie sind Motörheadbanger und Enthusiasten, und sie sind um möglichst hohe Authentizität bemüht, was man nicht nur am „Shark-Jaws“-Drumset à la Philthy Animal Taylor sieht bzw. hört, hinter dem sich Mr. Joe Werry mit Hingabe und geilem Groove verausgabt. Und seine beiden Mitstreiter machen mit entsprechenden Fußmatten klar, wer hier weshalb steht:

Gitarrist Fast Danny führt uns mit englischlastigem Humor durch den Abend, der stets im ehrenden Angedenken an die Urbesetzung gefeiert wird, und dabei geht es vor allem darum, die Chemie dieses Trios, das dem heutigen Metal in so vielerlei Weise den Weg bereitet hat, einzufangen. Der offensichtliche Bluesliebhaber schlüpft dabei auf fast spielerische Weise technisch wie vom Sound her in die Rolle seines Vorbilds Fast Eddie Clark, ein echter Genuss!

Die jedoch allergrößte Überraschung ist Sänger und Bassist Crazy Chris – mit seinem ganzen Habitus, aber vor allem mit seiner unvergleichlichen Stimme verdammt nah dran am unsterblichen Lemmy, verlockt er, auch mal die Augen zu schließen und sich an diverse eigene Liveerlebnisse mit dieser Ausnahmeband zu erinnern. Hier sitzt jedes knochentrockene Wort und jede Geste ohne jemals aufgesetzt zu wirken, ein Bruder im Geiste, der auch ohne Warzen oder den obligatorischen Ventilator auskommt – einfach eine perfekte Besetzung!

Manchmal fordert das Publikum auch Songs außerhalb der klassischen Phase, und dem kommt man dann auch nach – dass die Mannheimer jedoch beispielsweise dem Midtempogroover ‚Killed By Death‘ nicht besonders viel abgewinnen können, brauchen sie gar nicht extra zu betonen, das merkt sofort – vor allem wenn sie direkt danach mit ‚Overkill‘ deutlichmachen, was sie wirklich lieben – die rohen, schnellen, punkig-bluesigen Nummern der Anfangszeit, das ist genau ihr Ding. ‚Capricorn‘, ‚Stay Clean‘, ‚Shoot You In The Back‘ und natürlich der Nackenbrecher ‚Ace Of Spades‘ bringen die Stimmung zum Kochen.

Ein kleines Ratespiel leitet ‚Bomber‘ ein, und nach dem heute abschließenden, namensgebenden ‚Motörhead‘ kommt das Trio natürlich nicht so einfach weg, das beglückte Publikum fordert mehr und bekommt zum Abschluss noch eine Ladung Stimmung; mit drei Zugaben, ‚Dr Rock‘, ‚(We Are) The Roadcrew‘ und dem ‚Whorehouse Blues‘ schicken sie uns dann jedoch endgültig in die Pause, und jetzt ist erstmal Regeneration durch isotonische Getränke angesagt. Was für eine Darbietung! Hierzu sollte wirklich jeder Motörheadbanger mal seine noch mehr oder weniger vorhandene Matte mindestens einmal durchgelüftet haben!

 

Nach kurzer Verschnauf- und Umbaupause geht es straight wieder zurück nach Großbritannien. CRUSADER gibt’s schon seit 2003, und man merkt es der Band sofort an, dass hier gestandene Musiker seit langer Zeit aufeinander eingespielt sind. Ein Set voller Klassiker macht mir bewusst, wie eigenständig und vor allem stilprägend SAXON doch für so viele nachfolgende Bands waren. ‚Heavy Metal Thunder‘, ‚And The Bands Played On‘, ‚Motorcycle Man‘, ‚Power And The Glory‘, ‚Hungry Years‘ usw. – auch diese Jungs haben sich vorwiegend auf das klassische Material von Anfang der 80er spezialisiert, nehmen jedoch auch jüngere Lieder (‚Solid Ball Of Rock‘, ‚Requiem (We Will Remember)‘) in ihr Programm auf.

Beim Block von drei Liedern zum Thema Luft- und Raumfahrt lernt vermutlich nicht nur die Rezensentin von dem allein schon körperlich überragenden Sänger Joe Strubel (TRANCE), stilecht im langen Mantel, etwas über die historischen Hintergründe von ‚747 (Strangers In The Night)‘, schwelgt in der „epischen Nummer“ ‚The Eagle Has Landed‘, gefolgt von ‚20,000 Ft‘.

Die namengebende Nummer ‚Crusader‘ leitet den epischen Schlussblock ein, und mit ‚Wheels Of Steel‘ sowie ‚Strong Arm Of The Law‘ werden die beiden großen Hits dem hungrigen Publikum dargeboten. Doch dieses hat immer noch nicht genug, und es fehlen ja vor allem noch zwei All-Time-Faves. Für ‚Denim And Leather‘ sowie die ewige Hymne ‚Princess Of The Night‘ kommt der Fünfer nochmal zurück auf die Bühne, um einen rundum gelungenen Abend zu beschließen.

Mein Fazit: natürlich war früher nicht alles besser – aber allein fürs Wohlgefühl sind die 80er sind immer wieder einen Time Warp wert!

 

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