Livehaftig

METAL ASSAULT VIII

METAL ASSAULT VIII

17. Februar 2018, Würzburg, Posthalle


Inzwischen ist es Tradition, das stählerne Festivaljahr mit dem Metal Assault in Würzburg zu eröffnen. Nach den Soundproblemen und dem stark polarisierenden Headliner-Gig von NASTY SAVAGE aus dem Vorjahr, gab es dieses Mal keinen Grund zur Klage. 900 Fans durften sich in der Posthalle an neun starken bis überragenden Bands erfreuen, die zehnte, ASHBURY, hatte aus Grippegründen leider absagen müssen, was für einige unschöne Diskussionen in den sozialen Netzwerken sorgte. Auf die wollen wir hier nicht näher eingehen, stattdessen: Feuer frei für den Metal! Und schon vorab ein Lob an die ausgezeichnete Organisation.

BOOZE CONTROL

„Solang‘ die Wellenreiter lästern, weiß ich, dass es nichts Besseres gibt.“ Beim Einhören in das heutige musikalische Angebot schleicht mir doch glatt das alte HOSEN-Zitat ins Denkzentrum. Solange alte Recken und junger Nachwuchs solch ein Feuerwerk der guten Unterhaltung abfackeln, macht Metal unvermindert Spaß.

Und den bekommt der Frühaufsteher nach dem Startschuss um 12:45 Uhr ebenso wie offensichtlich auch die Jungs von BOOZE CONTROL. Kontrolliertes Trinken lege ich direkt ad acta – dank des mitreißend performten Heavy Metal mit leichten Ur-HELLOWEEN-Hansen-Ära-Einschlägen im Uptempobereich und auch dank Davids Stimme plus den gut eingesetzten Screams. ‚Vile Temptress‘ lässt das zweite Bier unkontrolliert runterschloddern und ich erfreue mich an dem Spirit der Achtziger im Hier und Jetzt. Dazu noch spielfreudig dargeboten, mit ungezügelter Energie und Twin Jackson-Axe Attacks, angetrieben von der gut eingespielten Rhythmusgruppe. Die Menge beginnt natürlich zu WARLORDs ‚Child Of The Damned‘ in verstärkter Taktung zu bangen und mobilisiert ihre ganze Publikumskraft beim abschließenden Mitsinghit ‚We Are The Booze‘ – oder war’s doch ‚Booze Control‘? – egal, jederzeit lieber als DOROs ‚All We Are‘. Nachwuchs an die Front! Kontrolliertes Trinken kann so schön klingen. (LL)

 

 

MYSTIK

Heiß, heißer, MYSTIK! Die drei blonden Schwedinnen mit Quotenmann am Schlagzeug sorgen bei nicht wenigen männlichen Besuchern für Schnappatmung. Die relativ junge Band, die gerade einmal ein Zwei-Song-Demo vorweisen kann,  kokettiert mit optischen Reizen, musikalisch muss man sich die Truppe als eine Speed-Version der belgischen ACID mit einem Schuss TYRANEX vorstellen. Die Songs ähneln sich sehr und von einem souveränen Stageacting ist man weit entfernt. Etwas Hüftsteif wirkt der Auftritt mangels bisheriger Liveerfahrungen. Die Stimmung ist dennoch gut, auch wenn die unkommentierten Pausen zwischen den Songs den Fluss stören. Spaß macht der Gig trotzdem.

Nach knapp 30 Minuten ist schon alles vorbei. Nett, unterhaltsam, schöner Eyecatcher. Bleibt abzuwarten wie das für den Sommer erwartete Debüt ausfallen wird. Für einen faden Beigeschmack sorgt der Bandname, da hätte etwas mehr Recherche im Web nicht geschadet. Die Verwechslungsgefahr mit den Jungs aus Cleveland ist nicht von der Hand zuweisen, zumal sich auch die Bandlogos ähneln. (JT)

 

 

CRYSTAL VIPER

Ich mag keine Liveplatten mehr. Aber wenn nur ein Teil der Energie von CRYSTAL VIPER inklusive dieser starken Songauswahl auf Platte festgehalten werden kann, ist es an der Zeit für die zweite Werkschau der sympathischen Polen. Legendär geiles Stageacting fesselt mich regelrecht vor der Bühne und Marta und ihre Mannen zeigen, was Bewegung heißt. Jeder Einzelne übernimmt die Show, während mein inneres Ich wie auch Darth Vader schon vor vierzig Jahren feststellte: „Ich spüre eine Präsenz, die ich schon lange nicht mehr…“.

Grüner Bass hin oder her, der Titel „Geilster Bassist des Abends“ ist sofort vergeben, Gitarrist Andy hält ebenfalls mit, drumtechnisch wird zeitweise fett durchgeballert, im schönsten Sinne des Wortes, und Marta ist mit der Doppelbelastung zu keiner Zeit überfordert und verwöhnt die anwesenden Ohren mit ihren messerscharfen Schreien.

‚The Witch Is Back’…und branded uns mit der ‚Witch’s Mark‘. Selbst der ‚Night Prowler‘ vom ersten Album wird nochmal losgelassen, bevor das mittlerweile zum unverzichtbaren Standard avancierte ‚Agents Of Steel‘-Cover die Meute daran erinnert, wie Marta damit einst alle Herzen im Sturm erobert hat. Auch wenn hier diesmal eher das Publikum gefordert wird, ist die Stimme heute während des gesamten Auftritts über jeden Zweifel erhaben. So geht melodischer Power Metal, Leather Leone und David T. Chastain können aufatmen, die nächste Generation ist da.

Erneut haben CRYSTAL VIPER es geschafft, mich live von „Ok, die sind auch dabei“ zu „Geil, dass ich dabei sein durfte“ zu flashen. (LL)

 

 

EMERALD

‚Down Town‘, das 1985er Debütalbum der Niederländer, 1999 als ‚Iron On Iron‘ wiederveröffentlicht, zählt zu den oft übersehenen Juwelen des europäischen Metals. Mit ‚Voice For The Silent‘ konnten EMERALD Ende letzten Jahres tatsächlich an diesen Underground-Klassiker anknüpfen. Und live sind sie der (musikalisch) erste Höhepunkt des Tages. Tight ohne Ende hauen die seit 2002 wiedervereinigten Haudegen zum Start gleich den größten Hit ‚Iron On Iron‘ raus, gefolgt vom kaum minder geilen ‚Johnny’s On The Run‘.

Sänger Bert Kivits ist hervorragend bei Stimme, trifft auch die hohen Töne und hat die begeisterte Menge mit Charme und Witz fest im Griff. Einziger klitzekleiner Wermutstropfen: Statt des Schlussstücks ‚Paper Snakes‘ von der neuen Scheibe hätte man doch lieber noch einen alten Smasher gehört. Insgesamt spielen EMERALD fünf Stücke von Album eins und sieben vom neuen Werk. Nächstes Mal gerne umgekehrt. (LK)

 

 

VISIGOTH

VISIGOTH waren livehaftig ein Überraschungssieger des letztjährigen KIT. Nach einem knappen Jahr dürfen sie nun erneut die Nachbarschaft unsicher machen. Das gelingt ein ähnlich ausgerichtetes Album später sogar mit noch unbändigerer Energie. Eingerahmt vom ‚Dungeon Master‘ und dem Titeltrack des Vorgängers kommen direkt sechs der neuen Songs zum Zug, u. a. natürlich das stampfende ‚Steel And Silver‘, die einprägsame ‚Warrior Queen‘ und die epische Megahymne ‚Traitor’s Gate‘.

Alles bestens also und für eine erhebliche Anzahl der Besucher scheinen VISIGOTH, den Reaktionen nach, das Highlight zu sein. Wer kann, sollte unbedingt noch die gerade angelaufene Tour besuchen. Es ist vermutlich die letzte Möglichkeit, die Truppe in so kleinen Clubs zu sehen. Denn den Status quo einer Band, die bislang im Underground unterwegs ist, könnte sie „verlieren“, da die Songs einfach auch plakativ genug sind, der großen Masse zu gefallen.

Harren wir also der Dinge, gönnen ihnen künftigen Erfolg und hoffen, dass die damit oft unvermeidlich verbundenen langweiligeren Songs und aalglatten Produktionen in diesem Fall ausbleiben. Oder bleibt ganz einfach eine Band des kurzen, metallischen Uh (war ja fast eine CELTIC FROST Hommage ;- ), statt des lang gezogenen Ohohoho der weihnachtsmannhuldigenden Adventskränzchenbegleitmusik 🙂  (gps)

 

 

AIR RAID

Seit dem Rauswurf ihres griechischen Sängers Michael Rinakakis 2013 haben die Göteborger Echtmetaller meiner unmaßgeblichen Meinung nach deutlich an Profil eingebüßt. Auf Platte und auch live will die Chose nicht mehr so richtig zünden, auch beim Metal Assault sinkt der Stimmungspegel deutlich, was freilich auch am Mördergig liegt, den VISIGOTH zuvor auf die Bretter gezaubert haben.

Schwach sind AIR RAID natürlich trotzdem nicht. Etwas zu einförmig vielleicht, aber agil und mit einer Spielfreude, die den Rang in der Running Order durchaus rechtfertigt. Am besten kommen die zwei Stücke vom Debüt, ‚Night Of The Axe‘ und das formidable ‚A Blade In The Dark‘. Und Fredrik Werner ist ein technisch tadelloser Sänger. Aber Charisma lässt sich halt nur schwer lernen. (LK)

 

 

PICTURE

Ich stehe auf die niederländischen PICTURE, deren Frühwerke eindeutig zum Besten gehören, was im europäischen Metal in den Achtzigern veröffentlicht wurde. So freue ich mich auf den Metal Assault-Auftritt wie Hund. Unter dem Motto „40 Years Heavy Metal Ears im Classic Line up“ wird schon angekündigt wohin die Reise geht. Und so liefern die Holländer einen wuchtigen Gig mit toller Songauswahl und mächtig Bock auf diesen Auftritt.

Diese Energie überträgt sich flugs auf das Publikum, welches Klassiker wie `Message From Hell`, `Hangman`, `Bombers` oder `Lady Lightning` gierig in sich aufsaugt und überzeugend mitbrüllt. Die Herren im gesetzten Alter geben alles und überzeugen somit in jeder Minute des Auftritts. Spielfehler egal – der Spaßfaktor reißt alles mit. Einzig der Sound könnte ein Quäntchen mehr Transparenz besitzen, um den Gig als perfekt zu beschreiben. Bleibt festzustellen, dass PICTURE hier kein Programm nach Plan runterspielen, sondern mit Leidenschaft und viel Spaß auf der Bühne stehen und europäisches Metalkulturgut zum Besten geben. Sehr geil. Mein Tagessieger. (JT)

 

 

AT WAR

Ein Wochenende zuvor spielte das amerikanische Thrash-Dreigestirn noch in Japan, heute steht man schon in Würzburg auf der Bühne. AT WAR sind somit zum dritten Male in Deutschland am Start. Mit an Bord ein neuer Drummer, der nach langer Suche laut Bassist und Sänger Paul Arnold nun optimal passt. AT WAR sind keine Band aus der ersten Thrash-Liga, dazu sind sie musikhistorisch betrachtet zu unspektakulär und eindimensional. Mit dem 1986er Debüt `Ordered To Kill` hat man zwar eine Visitenkarte abgegeben, die heute noch Bestand hat, aber das war es auch schon.

AT WAR sind sich dessen bewusst und machen auch keinen Hehl daraus. Die Botschaft ist simpel: Thrash ohne Kompromisse, voll auf die Zwölf. Und so ackert sich das Trio mit leicht matschigem Sound durch seine drei Alben. Große Unterschiede lassen sich schwerlich feststellen. MOTÖRHEADs `The Hammer` wird brachial runtergeholzt und lockert die Stimmung etwas auf. Überraschend kommt auch `Ilsa-(She-Wolf of the S.S.)`zum Zuge. Mit dem Triple `Eat Lead`, `Rapechase` sowie `At War` verabschiedet man sich mit einem „Mission erfüllt“-Grinsen im Gesicht. So gesehen waren AT WAR die Abrissbirne des Festivals, wogegen alle anderen Kapellen fast schon filigran zu nennen sind.  (JT)

 

 

TITAN FORCE

König Harald dem Tyrannischen die majestätische Ehre zu erweisen, ist natürlich der Hauptgrund für den Ausflug nach Würzburg. Er regiert in der gewohnten Manier, ist fast schon überdimensional perfekt bei Stimme und der Blickfang und Stimmungsgeber der ansonsten sehr statisch auftretenden Band. Aber das sind wir gewohnt und durch die technische Perfektion und dem überaus transparenten Sound bekommen wir heute am Ende doch sogar noch mehr als wir erwartet haben. Hier wird der Triumph nicht erkämpft, sondern mit spielerischer Leichtigkeit in höheren Sphären schwebend errungen. Stadion Metal halt!

Spätestens beim Best-of-Überhaupt-Monster ‚Shadow Of A Promise‘ brechen wie immer alle Dämme. In diese Euphorie hinein kündigt der Tyrant zum neuen Song ‚In The End‘ dann gar ein neues Album an.

Die weiteren Überraschungen sind das scheinbar live noch nie gespielte ‚Dreamscape‘ und zwei unfassbar gut inszenierte BLACK SABBATH-Cover (‚Falling Off the Edge Of The World‘ & ‚Over Is Over‘). That rules und dem Mob vor der Bühne gefällt es! Das Abschlusstriple bilden mit ‚New Age Rebels‘, ‚Only The Strong‘ und ‚Blaze Of Glory‘ nochmals drei der am stärksten funkelnden Diamanten im TITAN FORCE-Repertoire. Begeisternd und grandios!  (gps)

 

Festival Top 3:

Jürgen Tschamler (JT):

1. PICTURE
2. AIR RAID
3. MYSTIK

Markus (gps):

1. TITAN FORCE
2. VISIGOTH
3. EMERALD

Less Leßmeister (LL):

1. TITAN FORCE
2. PICTURE
3. EMERALD

Ludwig Krammer (LK)

1. TITAN FORCE
2. VISIGOTH
3. EMERALD/PICTURE (klassisches Remis)

 

It’s like the beating of the hammer on the anvil.
Iron on iron.

 

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