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DAGOBERT – Afrika

2015 (Buback Tonträger/Universal) – Stil: Dagobert


Als ich aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne bereits ganz weit oben, das Tageslicht schien hell durch die Fensterritzen. Doch ich war vollkommen erledigt, kein Glied war für sich alleine beweglich. Nichts, auch kein kleines – oder auch kein großes. So lag ich also, vollkommen regungslos, aber nicht unbedingt tiefenentspannt auf dem Boden des Baumhauses. Als ich erneut blinzelnd ein Auge öffnete, huschte ein Eichhörnchen geradewegs an meiner Nasenspitze vorbei. Hoppla, da sprang schon wieder eines über mich hinweg.

Aus der Entfernung konnte ich beobachten, wie sich die Bande aus Fichtenzapfen eine Pyramide gebaut hatte, um vom Boden besser an die Musikanlage zu gelangen. Gerade in diesem Moment flog ein Digipack gezielt von einer Ecke des Zimmers zur anderen. Ein Eichhörnchen fing es mit beiden Pfötchen auf und legte es auf einem Regal ab. Zu zweit wurde die Folie entfernt und dieser Neuerwerb geöffnet. Das tierisch-bunte Cover hatte es den kleinen Allesfressern wohl angetan. Die Schublade fuhr heraus, ein Silberling flog wie durch Zauberhand hinein und schon fuhr die Luke wieder zu. Die Musik begann. Es war DAGOBERT. Nein, und Donald und war nicht in Sicht, auch wenn ich meinen Nachbarn öfters so rufe.

Der erwähnte DAGOBERT trat am 30. Juni des Jahres 2013 bei Andrea `Kiwi´ Kiewel im ZDF Fernsehgarten auf und dies war der erste glorreiche Höhepunkt einer noch recht jungen musikalischen Karriere. Der Schweizer Sänger DAGOBERT, mit bürgerlichem Namen Lukas Jäger, schritt grenzdebil grinsend durch den strahlend sonnigen Mainzer Garten und selbst das im Takt klatschende Publikum war sich über die Auswirkungen dieses schlichten Auftritts nicht ganz im Klaren. Denn die deutschsprachigen Lieder von DAGOBERT erklingen nicht ganz entsprechend den Vorgaben des Schlager-Business. Jedwede Umschreibung – als Indie-Schlager oder Elektro-Schlager – scheitert kläglich.

Die komplette Figur des DAGOBERT ist eine ironische Auseinandersetzung mit Liebesliedern, die sich fortwährend um den Sehnsuchtsschmerz und die unerfüllte Liebe drehen, die aus der Sichtweise eines jungen Menschen umgesetzt ist, den Lukas Jäger vortrefflich für alle Nerds und Indies erschaffen hat. Allein seine Vorbilder, die er mit den SCORPIONS, David Hasselhoff, FLIPPERS, Leonard Cohen und Hank Williams angibt, lassen die Frage nach der Ernsthaftigkeit letztlich vollkommen offen. Immer wieder schafft er es auch in die Nähe seiner Vorbilder zu gelangen, so dass er diesmal nicht nur KREATOR-Mainman Mille Petrozza für zwei Gitarreneinspielungen, sondern Konstantin Gropper von den erfolgreichen GET WELL SOON für die musikalische Begleitung gewinnen konnte.

Zu seiner Figur gibt es ebenfalls eine ausreichend lange Geschichte, die mit seinem Heranwachsen im Kanton Aargau in der Schweiz beginnt. Nach einem gewonnenen Kulturstipendium ging er ein halbes Jahr nach Berlin, bis er in den Graubündener Bergen die Tränen über eine nicht erwiderte Liebe trocknen konnte. Dort, allein mit einem Notebook, schrieb er angeblich in fünf Jahren die Lieder zu seinem Debüt. Danach zog es den gut gekleideten jungen Herrn wieder in die wilde Großstadt Berlin, um seine Schnulzen der Welt zu präsentieren. Aber die Hipster der deutschen Großstädte hießen ihn Willkommen, er lebte zwar nur irgendwo in Berlin, traf aber scheinbar dann doch noch eine neue Liebe. „Frauen sind zum Heiraten da, dacht ich mir als ich eine sah“, und so war es erneut um ihn geschehen. Obwohl die Freude viel zu früh aufkam, meinte die Angebetete doch nur vielleicht – vielleicht in zehn Jahren, „Und ich dachte nicht daran, dass diese zehn Jahre lange sind, und vielleicht viel zu lang.“

So legt DAGOBERT mit `Afrika´ sein zweites Werk vor. Zwischen alten Postkarten und vergilbten Bildern längst vergangener Zeiten lässt er seine Geschichten im Hier und Jetzt auferstehen. Mit Doris Day liegt er am Moonlight Bay, mit Jenny trinkt er am liebsten ein Glas Wein – doch die durchgehende Sentimentalität verfliegt niemals. Nicht zwischendurch, nicht am Ende, wenn ´Das traurige Ende eines schönen Tages´ erklingt und DAGOBERT himmelhochjauchzend „Manchmal traurig, manchmal froh, das war bei mir immer so“ vor sich her singt. Wundervoll.

Als ich endlich eine Hand, als Hilferuf, heben konnte, stand sofort ein Eichhörnchen neben mir. Irgendwelche Laute, die es sofort von sich gab, riefen die anderen umgehend direkt vor mir zusammen. Womöglich waren sie so sehr besorgt und dachten, ich würde mittlerweile einen immensen Hunger verspüren. Also trugen sie alle Pilze, die sie in der Hütte finden konnten, beisammen und begannen mich zu füttern. Ansonsten unbeweglich, schluckte ich Pilz auf Pilz den Hals hinunter, bis mir plötzlich der Gedanke ins Gehirn schoss, dass dies keine gewöhnlichen Pilze, sondern die meines Nachbarn waren …

(8,5 Punkte)